„Funktionierenden Prozess per Verordnung zerschlagen“

Impfstofflogistik: Das unnötige Chaos Tobias Lau, 25.11.2021 11:45 Uhr

Berlin -

Das Hin und Her der Politik bei Impfstofflogistik und Tests sorgt für organisatorisches Chaos in der Versorgung. In Sachsen-Anhalt beispielsweise kam der Direktbezug von Impfstoffen für die Impfteams de facto niemals zustande: Erst hielten die zuständigen Impfzentren die Lagerbestände für ausreichend, und als die Infektionszahlen explodierten, hätte auch der Direktbezug nicht mehr gereicht. Im November ging es nun zurück zum Status Quo Ante – nachdem das Bundesgesundheitsministerium (BMG) per Verordnungen die Strukturen zerschlagen hatte, die sich in den vorangegangenen Monaten bewährt hatten.

Zu sagen, dass die Logistik hinter den Impfungen nach dem kurzen Intermezzo im Oktober wieder von vorn anfängt, wäre fast untertrieben. Denn in mancherlei Hinsicht ist es nun schwieriger als zuvor: Ende September wurden die Impfzentren geschlossen, Ärzte und Impfteams sollten übernehmen und dabei von Apotheken einerseits und den Ländern andererseits beliefert werden. Wie genau das organisiert wird, war je nach Bundesland nochmal unterschiedlich, aber die Probleme dürften sich nun vielerorts gleichen.

„Ich halte mich mit solchen Formulierungen eigentlich immer zurück, aber im Moment ist es wirklich chaotisch – und zwar aus meiner Sicht gänzlich ohne Not“, sagt Boris Osmann, der mit seiner Stern-Apotheke die Corona-Impfstofflogistik für das Bundesland Sachsen-Anhalt betreibt. Dass zumindest im Oktober vom Direktbezug noch nicht viel zu erwarten ist, hatte er genau so bereits vorhergesagt: Denn die Impfkampagne war in den Wochen davor äußerst schleppend gelaufen, die geschlossenen Impfzentren hatten volle Lager und konnten ausreichend Vakzine an die Impfteams verteilen. Nach einer letzten Lieferung Ende September seien die Impfzentren ausgestattet, um erst einmal autark weiterzuarbeiten, so seine Prognose damals. „Der Direktbezug hat nie stattgefunden, weil kein Leidensdruck da war. Die Impfzentren dachten, sie haben ja noch massenhaft auf Lager“, sagt Osmann nun.

Was er jedoch nicht vorhergesehen hatte: Dass der Leidensdruck bald sprunghaft steigen und das BMG die neue Regelung schon nach wenigen Wochen wieder über Bord werden würde. „Als die Zahlen Anfang November explodierten, hieß es dann, dass es so nicht mehr geht und wir die Impfzentren wieder eröffnen müssen“, erzählt Osmann.

Tatsächlich trat am 16. November die neue Corona-Impfverordnung (ImpfV) in Kraft: Mit ihr änderte sich die Impfstoffbeschaffung für die Leistungserbringer erneut. Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) – inklusive der von ihnen beauftragten Dritten sowie Impfzentren und mobilen Impfteams – können Impfstoffe seitdem direkt über das Land beziehen. Die Bestellung über die Apotheken blieb als zweite Option.

Osmann ist formal beides: eine Apotheke, da er die Logistik für das Bundesland betreibt, aber auch ein „Land“. Von all dem formalbürokratischen Kategorisierungsallerlei ließ er sich jedoch nicht aufhalten, er machte einfach: „Wir sind bereits Anfang November für das Land nach Quakenbrück gefahren und haben da Impfstoff geholt – was ja genau genommen zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz zulässig war“, erklärt Osmann.

Bund wird wichtigster Vertriebsweg bleiben

In der Quakenbrücker Artland-Kaserne befindet sich das Versorgungs- und Instandsetzungszentrum für Sanitätsmaterial der Bundeswehr (VersInstZ SanMat), das der Marinestützpunktapotheke in Wilhelmshaven unterstellt ist. In ihm lagert der Bund zentral die Impfstoffe, die dann in die Länder verteilt werden. „Wir hätten zu der Zeit formal noch über den Großhandel bestellen müssen, das hatte aber noch zwei Wochen Vorlauf und nur einen Bestelltag, also hätte es schlimmstenfalls zwei Wochen und sechs Tage gedauert. Das dauerte uns zu lang.“

Auch wegen dieser Initiative, vermutet Osmann, stehe Sachsen-Anhalt derzeit etwas besser da als manch anderes Bundesland. „Im Endeffekt haben die Länder meist noch die zwei Wochen bis Inkrafttreten der neuen Verordnung abgewartet, damit sie angesichts des hohen Bedarfs wieder direkt beim Bund bestellen können. Die wurden dann überrannt und es herrschte vielerorts Verwirrung, wer wann wo bestellen kann“, erklärt er. „Da sieht man auch, welchen Vorteil es hat, als Land eine Apotheke im Boot zu haben. Bei den Logistikern, die anderswo beauftragt sind, reißt sich keiner ein Bein raus und schickt auf eigene Kosten einen Fahrer nach Quakenbrück.“

Materiell ausgestattet war Osmann – ergo das Land – zu Monatsbeginn also. Alles im Lot ist damit aber längst nicht. September, Oktober, November: In drei Monaten waren drei verschiedene Bezugssysteme vorgeschrieben. Zwar können die Länder jetzt wieder bestellen, wie sie es bis September getan haben, und zusätzlich über Apotheken beziehen. „Aber die Länder werden gerade überrannt und wir sehen einen sehr hohen Durchsatz an Impfstoff. Deshalb schätze ich, dass sie schon allein der Mengen wegen alle direkt vom Bund beziehen werden. Dieser Vertriebsweg bleibt also der wichtigste.“ Das könnte eine gute Nachricht sein, schließlich hatten sich die Strukturen etabliert und woran es im Sommer und Herbst mangelte, waren nicht Impfmöglichkeiten, sondern Impfwillige. Doch ganz so einfach ist es eben nicht.

„Auch die Personalstrukturen zerschlagen“

„Das Frustrierendste an der ganzen Sache ist, dass wir bis Ende September so ein eingespieltes System hatten“, sagt er. Normalerweise kam der Impfstoff gegen 7 Uhr morgens und wurde konfektioniert, gegen 10 Uhr war das letzte Fahrzeug auf den Straßen, um die Mittagszeit das letzte Impfzentrum beliefert. „In fünf Stunden war alles erledigt. Das ist ein Verfahren, der über Monate super funktioniert hat. Dass man so einen Prozess per Verordnung kaputt macht, ist mir unbegreiflich. Jetzt hängt da ein riesiger Rattenschwanz dran und wir müssen uns jeden Tag neu durchhangeln: Die Impfzentren gibt es teilweise nicht mehr, wir haben andere Ansprechpartner und Anlieferungsorte, die wir erst finden müssen, und dergleichen weiter.“

Auch mit der gut einmonatigen Schließung der Impfzentren sei mehr zerstört worden als auf den ersten Blick offensichtlich ist. „Das Schlimme ist, dass auch die Personalstrukturen zerschlagen wurden“, sagt Osmann. Im August wurde den Angestellten eröffnet, dass es vorbei sei, nun würden die Impfzentren nur Wochen später neues Personal suchen, aber keines finden. „Wenn man ihnen vorher sagt, sie sind raus, dann wollen die auch nicht mehr, wenn man später nochmal fragt. Alle arbeiten am Limit und keiner hat mehr Bock“, so Osmann. „Außerdem kann man ihnen ja auch keine verlässliche Perspektive bieten. Man muss den Leuten doch auch sagen, dass sie wenigstens ein halbes Jahr da bleiben können, die machen das doch nicht nur für Luft und Liebe.“

Und es sind nicht nur die Impfstoffe. Welche Folgen die kurzsichtigen Entscheidungen des BMG in der Versorgungsrealität tätigen, sieht Osmann auch beim Testen: „Wir hatten in der Spitze vier Testzentren und haben die bis auf eines nach und nach geschlossen.“ Insbesondere als die kostenlosen Bürgertests endeten, habe die Nachfrage spürbar nachgelassen. Er habe die letzte verbliebene Teststelle nur deshalb bis Ende November weiterführen wollen, weil er noch so viele Tests auf Lager hatte. „Und jetzt stehen die Leute hier wegen der 3G-Pflicht am Arbeitsplatz Schlange und sind unzufrieden, weil sie lange warten müssen und dann nicht pünktlich auf Arbeit kommen. Vor vier Wochen wollte ich es noch schließen, weil es sich nicht rechnet, und jetzt weiß ich kaum, wie ich alle testen soll. Das Chaos, das wir heute erleben, können wir keine Wochen oder Monate mehr durchhalten.“