Apotheker appelliert an Hersteller

„Für Pharma Mall fehlt uns die Zeit“ Lothar Klein, 19.03.2020 08:51 Uhr

  • „Die Hamsterkäufe fangen an“, berichtet Apotheker Arndt Backhaus von der Adler Apotheke in Velbert. Foto: Backhaus
Berlin -

Seit die Bundesregierung die Schließung aller nicht versorgungsrelevanten Geschäfte angeordnet hat, erleben viele Apotheken einen Ansturm von Kunden: „Die Hamsterkäufe fangen an“, berichtet Apotheker Arndt Backhaus von der Adler Apotheke in Velbert. Gleichzeitig kämpft er mit einer nie dagewesenen Anzahl von Defekten – aktuell 545 Produkte sind nicht lieferfähig. Und vor allem mit der Bestellung über Pharma Mall gibt es vermehrt Probleme.

Daher richtet Backhaus einen Appell an die Arzneimittelhersteller: „Verhalten Sie sich in der Corona-Krise solidarisch, beliefern sie den Großhandel. Für Bestellungen über Pharma Mall fehlt uns aktuell die Zeit. Setzen Sie den Verkauf aus.“ Mehrmals täglich müsse er sich über Pharma Mall kontigentierte Arzneimittel besorgen, ärgert sich Backhaus. Das sei zeitraubend und vor allem in diesen Corona-Zeiten nicht zu bewerkstelligen. Aus Sorge um den Graumarkt und vor Exporten hätten die großen Hersteller das Instrument ins Leben gerufen. „Aber jetzt ist nicht die Zeit, dass die Firmen an ihre Aktienkurse denken“, appelliert der Apotheker.

Seit der Corona-Krise haben bei Backhaus jedenfalls die Lieferprobleme zugenommen: „Aktuell hätte ich gerne 454 Produkte auf Lager, die ich aber nicht bekommen kann.“ Dabei sind nicht nur die üblichen Arzneimittel. Backhaus: „Zur Zeit kann ich auch Calcium nicht bekommen.“ Auch Vitamin C sei Mangelware. Nicht nur OTC-Produkte, sondern auch viele andere Freiwahlprodukte würden gehamstert, „bis hin zur Fußsalbe“. Auch per Rezept würden häufiger als sonst gleich zwei Packungen verordnet, hat Backhaus beobachtet. „Die Kunden kaufen alles weg“, so Backhaus: „Sie glauben gar nicht, was in meiner Apotheke los ist.“

Beispielsweise würden die Abstandsregeln zur Vermeidung von Corona-Ansteckungen von den Kunden überhaupt nicht beachtet: „Ich habe circa 50 Prozent mehr Kunden als zuvor.“ In seiner Apotheke gibt es Gedränge: „Am Spender neben dem Eingang desinfizieren sich Leute die Hände, nehmen dabei das Rezept in den Mund und legen es zur Belieferung auf den HV-Tisch“, so Backhaus.

Eingeschlagen hat in der Adler Apotheker auch das Warnungsgezerre um das Schmerzmittel Ibuprofen. Seitdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor der Einnahme des Wirkstoffs im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion warnte, switchen die Kunden auf Paracetamol um. „Deswegen gibt es derzeit keinen Paracetamol-Saft mehr“, bestätigt Backhaus den aktuellen Engpass. Er habe vor der Corona-Krise bei Lieferengpässen immer nur an Wirkstoffe gedacht, die in Indien und China produziert würden, aber jetzt kauften die Kunden so gut wie alle Produkte in der Apotheke. „Je mehr andere Geschäfte schließen, umso mehr kommen die Leute in die Apotheke. Selbst Bonbon-Käufer kommen jetzt zu uns.“