Rezeptabrechnung

Noventi lockt MVDA-Mentoren mit purem Gold Alexander Müller, 23.01.2019 11:08 Uhr

Berlin - Mit einer ungewöhnlichen Werbeaktion versucht die Noventi den MVDA als Gruppe noch enger an sich zu binden. Nach Informationen von APOTHEKE ADHOC wurden die Mentoren der Kooperation angeschrieben und zu einem Wechsel zu dem Rechenzentrum (VSA) eingeladen. Als Köder gibt es nicht nur verschiedene Zusatzmodule für ein halbes Jahr gratis, sondern auch 10g Gold. Die Mitbewerber ziehen die Augenbrauen hoch.

Eine Partnerschaft zwischen MVDA/Linda und dem Rechenzentrum VSA besteht schon länger. Der „systemisch bedingt hohe apothekerliche Einfluss“ bei Noventi entspreche in weiten Teilen der DNA des MVDA, so eine Sprecherin der Kooperation. Daher werde das Rechenzentrum in den Gremien grundsätzlich sympathisch wahrgenommen. Mit der Umstrukturierung der Noventi-Gruppe wurde die Zusammenarbeit verfestigt und jetzt neu kommuniziert.

Das Marketing setzt dabei auf Multiplikatoren: Beim MVDA wählen die rund 3000 Mitglieder sogenannte Mentoren. Diese vertreten für drei Jahre jeweils 25 Mitglieder – es gibt also rund 120 Mentoren. Wie viele davon jetzt angeschrieben wurden, ist nicht bekannt, da ein Teil sicherlich schon bei der VSA abrechnet.

In den kommenden Tagen sollen die Mentoren persönlich von Noventi kontaktiert und das eigens verhandelte MVDA-Angebot der Noventi vorgestellt werden. Neben den individuell auszuhandelnden Konditionen gibt es zusätzliche Lockmittel. Die MVDA-Apotheker erhalten die Produkte ScanDialog, HiMi Dialog, Rezeptcheck plus und das Rezept-Archiv für sechs Monate kostenlos. „Darüber hinaus erhält jede Apotheke 10g Gold als Willkommensgeschenk und im Kundenservice den Gold-Status“, wirbt der MVDA-Vorstand in seinem Schreiben.

Zwar hört sich der MVDA immer mal wieder auch bei anderen Rechenzentren um – schon um eine Verhandlungsbasis mit Noventi zu haben. Grundsätzlich setzt der Vorstand aber weiter auf „strategische Partnerschaften“. Bevorzugter Partner im EDV-Bereich ist ADG, großhandelsseitig traditionell Phoenix.

Bei der Rezeptabrechnung traut der MVDA der Noventi zu, „auf dem Weg des Wandels zum E-Rezept Vorreiter sein“ zu können. Für diesen Partner im Bereich Rezeptabrechnung spricht aus Sicht der MVDA-Spitze auch, dass sich die Noventi „zu 100 Prozent in Apothekenhand“ befinde mit rund 6000 Apothekern als alleinige Eigentümer. Dem Vernehmen nach lässt sich das Rechenzentrum die Partnerschaft auch Einiges kosten, zusätzlich zu den Sonderkonditionen.

Der Vorstand empfiehlt den Mentoren daher „kollegial“, der Noventi die Gelegenheit zur Vorstellung der Kooperation in der Apotheke zu geben. Die Regionalsprecher stehen laut Schreiben „positiv und motiviert persönlich zur Verfügung, wenn es darum geht, die Vorteile einer Zusammenarbeit mit der Noventi HealthCare als Rezeptabrechner für unsere Apotheken zu erörtern“.

Bei den Mitbewerbern kommt der Vorstoß nicht sonderlich gut an. Das gilt besonders für das ARZ Haan. Die Noventi hat in den vergangenen Monaten einen ganzen Schwung Außendienstler aus Haan abgeworben, die jetzt mit dem MVDA-Angebot unterwegs sind. Eine besondere Rolle kommt dabei Ex-Vertriebschef Robert Baumann zu, der das ARZ Haan Ende 2017 verlassen hatte. Nach Ablauf seines Wettbewerbsverbot ist er seit Jahresanfang für Noventi tätig – und hat jetzt offenbar nicht ohne sein Zutun wieder Teile seines alten Teams um sich.

ARZ-Geschäftsführer Klaus Henkel, seit Jahresbeginn beim Rechenzentrum (vormals AvP), empfindet das Vorgehen der Konkurrenz aus dem Süden insgesamt als unfair. Das Angebot für die MVDA-Mentoren als Neukunden entspreche einem Gegenwert von über 1000 Euro. „Das Geld könnte man ja auch den Kunden schenken, die einem die Treue gehalten haben“, so Henkel.

Auch beim NARZ ist man nicht glücklich: „Der Wettbewerb zwischen den Rechenzentren hat sich in den vergangenen fünf bis sechs Jahren stark entwickelt, das ist auch gut so“, sagt NARZ-Vertriebschef Michael Irmer. Aber die Aktion mit dem Gold sei schon heftig. „Wo soll das hinführen? Kommt als nächstes der Koffer voll Geld?“, fragt sich Irmer.

Anzunehmen ist auf jeden Fall, dass sich der Wettbewerb zwischen den Rechenzentren weiter zuspitzt. Denn mit der bevorstehenden Einführung des E-Rezepts steht ihnen ein massiver Umbruch bevor. Das Abholen, Versichern und Scannen der Rezepte ist heute ein personal- und damit kostenintensiver Teil der Arbeit. Die Apotheker werden also mit weiteren Schritten der Digitalisierung auch die Gebühren neu verhandeln. Um auf diesen Tag gut vorbereitet zu sein, besteht für die Rechenzentren in den nächsten Monaten die Versuchung, sich Umsatz einzukaufen. Notfalls auch mit purem Gold.