Wenn der Arbeitgeber keine Schutzmaßnahmen trifft

„Wir gehen nur noch mit Angst zur Arbeit“ Cynthia Möthrath, 23.03.2020 14:22 Uhr

  • Schutzmaßnahmen Fehlanzeige: Eine PTA berichtet über die Zustände in ihrer Apotheke. Foto: Etud1984/shutterstock.com

Berlin - Die meisten Apotheker sorgen sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und wissen ihren Einsatz in der Corona-Zeit zu schätzen: Viele haben bereits entsprechende Schutzmaßnahmen ergriffen. Doch leider gibt es auch andere Fälle: Eine PTA berichtet, wie es ist, wenn der Chef keine Schutzmaßnahmen ergreift – sondern sich über die Ängste der Mitarbeiter noch lustig macht.

Angst als ständiger Begleiter

„Wir haben mittlerweile wirklich Sorge zur Arbeit zu kommen“, erklärt die PTA – die aufgrund der angespannten Lage lieber anonym bleiben möchte. Ihr Chef besitzt insgesamt drei Apotheken, doch keine von ihnen hat Plexiglaswände oder andere Schutzmöglichkeiten für die Mitarbeiter: Weder Abstandsmarkierungen, noch Aufklärungshinweise oder Desinfektionsmittelspender sind in den Betrieben zu finden. Das Gespräch wurde selbstverständlich des Öfteren gesucht – jedoch ohne Erfolg. „Mittlerweile behauptet er immer, er habe gerade keine Zeit, wenn wir mit ihm sprechen wollen.“

„Eine Kollegin hatte kürzlich einen richtigen Nervenzusammenbruch, sie war total fertig“, berichtet die PTA. Ihr Mann sei vorerkrankt und absoluter Risikopatient. „Meine Kollegin hat einfach Angst, etwas zu Hause einzuschleppen.“ Doch auch das beeindruckte den Chef nicht: „Er meinte nur, die Schutzmaßnahmen wären vollkommen unnötig und wir sollen uns alle nicht so anstellen.“ Das Team solle zwischendurch mal über den HV-Tisch wischen und dann wäre alles gut. „Alles andere wäre Humbug.“

Ansprache statt Verständnis

Auch unter den einzelnen Filialen wurde sich selbstverständlich rege ausgetauscht. „Wir sind uns da einig und haben es schon gemeinsam versucht“, erklärt die PTA. Diejenigen, die das Thema beim Chef ansprechen, würden allerdings sofort in ihre Schranken verwiesen und hätten am Folgetag ein „nettes Telefonat“ mit ihm führen müssen – „für eine saftige Ansprache war dann komischerweise Zeit.“ „Er fragte unter anderem, wie wir es uns erdreisten könnten, ihn so unter Druck zu setzten, er hätte schließlich genug zu tun.“ Außerdem sei die Plexiglas-Maßnahme eine Diskriminierung für den Kunden und es würde einfach nur schrecklich aussehen. „Dass es auch Schutz für die Kunden ist, hat er scheinbar noch immer nicht verstanden“, meint sie.

Krankmeldungen und blöde Kommentare

Mittlerweile haben sich zwei Kolleginnen krankgemeldet, eine der Filialleitungen hat den Dienst ebenfalls eingestellt, da sie ein Kleinkind zu Hause hat. Ohne Schutz würden die entsprechenden Kolleginnen nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Neben Plexiglas werden auch andere Schutzmaßnahmen vom Chef belächelt. „Wir haben uns mittlerweile selbst Handschuhe und Mundschutz gekauft, da er es nicht bezahlen will.“ Der Chef habe seine Mitarbeiter daraufhin ausgelacht und gefragt, ob er ihnen Ganzkörperanzüge basteln solle. „Es kommen nur blöde Kommentare und Unverständnis, dabei ist er selbst Risikopatient.“

Innerhalb des Kollegenkreises habe man sich nun darauf geeinigt, nach jedem Kunden zumindest den HV-Tisch zu reinigen. „Die nächsten Kunden müssen dann eben kurz warten“, erklärt sie. Von den Kunden kämen zum Teil ebenfalls blöde Reaktionen: „Die lehnen sich extra über den HV-Tisch und husten uns an“, berichtet sie geschockt. Die Reaktionen seien jedoch grundsätzlich gemischt: Während einige über die fehlenden Maßnahmen verwundert sind, würden andere es begrüßen. „Endlich noch jemand, der nicht in Hysterie verfällt“, habe ein Kunde gesagt.

Mitarbeiter ziehen Konsequenzen

Bei vielen Chefs und Kunden sei noch immer nicht angekommen, unter welchem Druck die Apothekenmitarbeiter derzeit stehen. Viele würden sich keine Gedanken darüber machen, mit wie vielen Kunden und potenziell Erkrankten man dabei in Kontakt käme. „Wir gehen nur noch mit Angst zur Arbeit.“ Notfalls wolle sich das Team nun behelfsmäßig selbst einen Schutz bauen – „oder wir tun uns zusammen und kommen alle nicht mehr zur Arbeit“.