Ausbildung

PTA-Praktikantin: Skepsis im Team Anja Alchemilla, 18.08.2019 09:03 Uhr

  • Vorbehalte gegen PTA-Praktikantin: „Ich erinnere mich nur sehr ungern an unsere letzte Praktikantin. Sie wusste alles besser und hat uns hier die ganze Warenannahme durcheinander gebracht." Foto: PTA-Schule Kulmbach

Berlin - Ob Apotheker, Pharmazieingenieur oder PTA – pharmazeutisches Personal ist rar. In manchen Gegenden Deutschlands sogar so rar, dass Apotheken schließen müssen, weil niemand da ist, der dort arbeiten kann. Die Filialleiterin Anja Alchemilla hat beschlossen, etwas für die Nachwuchsförderung zu unternehmen: Sie hat für vier Wochen eine PTA-Praktikantin in der Apotheke. Diese trifft jedoch in ihrem Team zunächst auf wenig Begeisterung. 

Vor etwa zwei Monaten hatte Anja verkündet, dass sie im August einer PTA-Praktikantin aus der Schule einer benachbarten Stadt zugesagt hat. Nach dem ersten Jahr im Unterkurs würde sie während der Schulferien im Sommer dem Team der Filiale über die Schultern schauen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Anja war sich der Unterstützung ihrer Mitarbeiter zunächst sicher und reagierte erstaunt, wie viele Vorbehalte plötzlich geäußert wurden.

Die PTA Sonja war skeptisch. „Ach Anja – ausgerechnet während der Sommerferien? Da ist doch kaum ein Arzt da und wir haben zum großen Teil Urlaub. Wie sollen wir ihr denn dann etwas beibringen? Wir sind doch dann gerade mal zwei, drei Leute. Ist dann wirklich noch genug Zeit, um uns adäquat um sie zu kümmern? So eine Praktikantin macht doch mehr Arbeit, als dass sie uns etwas abnehmen kann.“ Anja schüttelte den Kopf: „Das sehe ich anders. Gerade wenn hier weniger los ist haben wir doch mehr Zeit für sie, als dann, wenn die ersten Leute mit Erkältungen kommen. Und Arbeit haben wir alle irgendwann einmal gemacht, Sonja."

Auch die PKA Arife war skeptisch: „Ich erinnere mich nur sehr ungern an unsere letzte Praktikantin. Sie wusste alles besser und hat uns hier die ganze Warenannahme durcheinander gebracht. Und die vorletzte erst! Gelangweilt und lahm wie eine Schnecke. Und am Schluss hat sie sich noch über mein Gehalt lustig gemacht, als sie die Broschüren über unsere Berufe gefunden hat, wisst ihr noch?" Anja legte ihr die Hand auf die Schulter: „Arife – das waren doch ganz normale Schulpraktikanten. Das hier ist doch etwas ganz anderes! Da möchte doch jemand wirklich in der Apotheke arbeiten. Die junge Dame wird auf jeden Fall PTA und hat ein ganz anderes Interesse an unseren Berufen."

Aufgrund der Vorbehalte war die Apothekerin dann doch ein wenig unsicher geworden. War es am Ende doch keine gute Idee gewesen, der jungen Frau eine Zusage zu machen? Aber nein – woher soll der Nachwuchs denn kommen, wenn alle so denken würden? Man kann nicht über fehlendes Personal lamentieren, wenn man sich nicht die Mühe der Ausbildung machen möchte. Jeder fängt schließlich irgendwann einmal an und braucht erfahrene Leute, die einen anleiten. Dem August blickte sie dennoch mit geteilten Gefühlen entgegen. Worauf hatte sie sich da eingelassen?

Dann war es soweit: Die junge Frau stellte sich dem Team als Martina vor und machte gleich einen freundlichen und aufgeschlossen Eindruck. In den ersten zwei Tagen beobachtete sie alles, was um sie herum vorging, notierte sich verschiedene Dinge auf ihrem mitgebrachten Block und fragte viel. Am dritten Tag begann sie dann, zunächst einmal Arife unter die Arme zu greifen. Sie konnte schnell den Wareneingang erfassen und den Kommissionierautomaten mit Bestellungen füttern. Ab und zu war sie begeistert, wenn sie eine Packung in den Händen hielt, die sie aus dem Arzneimittelkunde-Unterricht (AMK) wiedererkannte.

„Weißt du Arife, wir haben auch drei PKA bei uns in der Klasse, die haben es da auf jeden Fall leichter als wir – mit all den Namen der Fertigarzneimittel. Ich habe mich immer gefragt, wie sie das schaffen, sich die alle zu merken. Aber wenn man sie ein paarmal in der Hand hatte ist das etwas einfacher, glaube ich. Überhaupt ist es total wichtig, was ihr hier im Hintergrund leistet. Wirklich schade, dass viele das nicht ausreichend zu schätzen wissen! In der Klasse haben zwei erzählt, dass sie nicht nur wegen des Geldes den PTA-Beruf nicht erlernen, sondern auch, weil in der Apotheke auf sie herabgeblickt wird. Das ist doch nun wirklich armselig! Gut, dass es hier anders läuft.“ Martina hatte mit diesen paar Sätzen bereits ihren ersten Fan im Team.

Mit Sonja lief die Praktikantin am häufigsten mit. Diese entdeckte plötzlich ebenfalls ihre Ader für die Jung-PTA, denn so viele interessierte Fragen und so viel ehrliches Interesse am Beruf hatte sie lange Zeit nicht mehr erlebt. Auch um berufspolitische Fragen zu klären fand sich bereits in der ersten Woche schon Zeit. Martina fragte sich beispielsweise, ob Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit der Ausbildungsreform am richtigen Ende gespart hatte. „Weniger CPÜ mag ja angehen und auch die Gerätekunde zu streichen finde ich okay. Aber was ist mit dem Fach Galenische Übungen? Das hätte man doch auch kürzen können, um dafür mehr AMK zu unterrichten, oder?“ Sonja war da ganz entschieden anderer Meinung.

„Und was machst du, wenn du nach der Schule in eine Apotheke kommst, in der du zum Beispiel die einzige PTA ersetzen sollst, die nun in Elternzeit gehangen ist? Fragen nach der Wirkung von Arzneistoffen, nach der Bioverfügbarkeit oder nach Wechselwirkungen kannst du den Apothekern immer stellen. Aber wenn du eine komplizierte Rezeptur vor dir hast, dann musst du schon sehr viel Glück haben, wenn dir da einer weiterhelfen kann. In Galenische Übungen musst du absolut top ausgebildet sein, wenn du die Schule verlässt. Das machen die Apotheker gerade mal ein Semester lang an der Uni, und häufig so gut wie nie mehr später in der Apotheke.“

So vergingen die ersten beiden Wochen wie im Flug und das Team der Filialapotheke war voll des Lobes über die engagierte junge Frau. Anja freute sich auch darüber, dass alle Mitarbeiter sich wieder aufs Neue mit den Arbeitsabläufen auseinander setzen mussten. Bei der Erklärung, wie was in der Apotheke abläuft, reflektiert man doch auch, ob alles so sinnvoll ist, wie es praktiziert wird. Martina integrierte sich schnell, und als das Ende des Praktikums vor der Tür stand, gab es eigentlich nur noch zwei Fragen zu klären: „Kann Martina bitte auch das Halbjahrespraktikum bei uns machen“ und „Warum haben wir nicht viel früher schon PTA-Praktikanten ausgebildet“.