Hype durch WhatsApp und Facebook

Betadine: Erhöhte Nachfrage wegen Corona Cynthia Möthrath, 23.03.2020 10:20 Uhr

  • Povidon-Iod gegen Corona? Aufgrund einer Meldung in den sozialen Medien stieg die Nachfrage rasant an.
Berlin -

Als PTA hat man immer wieder mit speziellen Kundenwünschen zu tun. In der vergangenen Woche wunderten sich viele Apothekenmitarbeiter über die vermehrte Nachfrage zu „Betadine“: Was hat es damit auf sich und worum handelt es sich überhaupt? Eine PTA schildert den Hype in der Apotheke.

Die Apotheke steht voll – soweit es unter den Maßnahmen der Abstandshaltung möglich ist. Die übrigen wartenden Kunden stehen vor der Apotheke. „Ich hätte gerne Betadine“, erklärt mir die Kundin. Und dann ging es mir wie vielen anderen Apothekenmitarbeitern auch: Das System zeigt lediglich ein Vaginalgel an. „Nein, das soll was zum Gurgeln sein. Stand im Internet“, werde ich von der anderen Seite aufgeklärt. Nach weiteren Forschungen und einer Suche bei Dr. Google werde ich schließlich ebenso fündig wie mein Gegenüber.

Gewünscht wurde eigentlich das Betadine Gurgelkonzentrat, welches in der Schweiz von Mundipharma auf dem Markt ist: Laut Gebrauchsinformation handelt es sich dabei um ein desinfizierendes Konzentrat zum Gurgeln und Spülen des Mund- und Rachenraumes. Es soll Bakterien, Pilze, Viren und andere Infektionsauslösende Erreger abtöten. Ein Versprechen, das in der aktuellen Situation wie ein Volltreffer klingt.

Eigentlich wird die iodhaltige Lösung jedoch zur Vorbeugung und Behandlung von Infektionen nach Verletzungen, von infektiösen Erkrankungen des Mund- und Rachenraumes und des Zahnfleisches sowie vor und nach chirurgischen und zahnärztlichen Eingriffen angewendet. Das enthaltene Povidon-Jod zählt zu den sogenannten „Halogenfreisetzern“: Aus der Substanz wird nach dem Auftragen Iod freigesetzt, dieses reagiert mit der Oberfläche von zahlreichen Bakterien, Viren, Pilzen und anderen Krankheitserregern. Dabei schädigt es die Zellwand so stark, dass die Erreger absterben.

In Deutschland ist das Präparat unter dem Namen zwar nicht verfügbar, allerdings hat Mundipharma hier das Betaisodona Mund-Antiseptikum auf dem Markt. „Eine gute Alternative“, denke ich und will die Empfehlung gerade aussprechen. Doch mit einem Klick auf die Verfügbarkeitsabfrage werde ich gebremst: Denn das rote Symbol der Nichtverfügbarkeit leuchtet mir entgegen. Auf Erklärungen reagiert die Kundin genervt. „Schon okay, dann bestelle ich das halt im Internet.“ Frustration macht sich breit.

Die Nachfragen häufen sich in den folgenden Stunden und Tagen. Ein Kunde klärt mich schließlich auf: Per WhatsApp und in den sozialen Medien werde eine Nachricht verbreitet, in der ein italienischer Arzt das Präparat empfiehlt. Zur Prävention gibt er folgenden Ratschlag: „Es wird empfohlen, mit Betadine zu gurgeln, um Keime zu entfernen oder zu minimieren, während sie sich noch im Hals befinden, bevor sie in die Lunge tropfen.“ Was diese Behandlung letztlich bringen würde – wenn sie verfügbar wäre – ist jedoch unklar.

Die derzeitige Corona-Krise lässt verschiedene Präparate und Wirkstoffe gerade „aufleben“. Durch soziale Medien werden vermeintlich seriöse Empfehlungen in Windeseile verbreitet. Die besorgte und vor allem verunsicherte Bevölkerung springt auf den Zug auf und greift nach jedem Strohhalm, den sie greifen kann. Auch die Verbraucherzentrale warnte kürzlich vor irreführenden Aussagen in Bezug auf Sars-CoV-2: Die Situation werde auf verschiedene Art und Weise ausgenutzt. Verschiedene Hersteller preisen ihre Präparate als Wundermittel an, im Internet kursieren dubiose Empfehlungen von verschiedenen Hausmitteln, die helfen oder sogar schützen sollen. Gerade in diesen Zeiten ist Aufklärung von Seiten des Fachpersonals wichtiger denn je – in diesem Sinne: Lasst uns durchhalten!