Zero Pay Day: Apotheke drosselt Leistungen 09.05.2026 07:43 Uhr
Wenn Promis ihre Hotelrechnung nicht bezahlen, gibt es jedes Mal fette Schlagzeilen. Wenn die Krankenkassen die Apotheken auf ihren Kosten sitzen lassen, interessiert das niemanden. Doch Gerold Nüchtern, Apotheker aus Borken, will das nicht länger hinnehmen. Viel zu lange schon wartet er auf die versprochene Erhöhung des Fixums. Daher hat er in seinem Betrieb jetzt das Prinzip der „einnahmenorientierten Ausgabenpolitik“ eingeführt: Leistungen, die nicht ausreichend vergütet werden, werden auch nicht mehr im vollen Umfang erbracht.
Nüchtern sieht es nicht länger ein, dass er bei der Versorgung seiner Patientinnen und Patienten auch noch drauf zahlen soll. Er gehört mit seinem Betrieb zu jenen Apotheken, die zwar noch keine roten Zahlen schreiben, aber bei der angekündigten Anhebung des Zwangsrabatts im kommenden Jahr in Schieflage geraten könnten. Da beim Fixum allen Versprechungen zum Trotz nichts passiert und Kassen und Politik die Notwendigkeit einfach weiter negieren, hat er sich zu einem ebenso ungewöhnlichen wie konsequenten Schritt entschieden: In seiner Apotheke gibt es ab sofort den „Zero Pay Day“ – und zwar täglich.
Sparen mit BWL-EKG
Joselyn Walther ist die erste Kundin, der der Apotheker sein Prinzip der „einnahmenorientierten Ausgabenpolitik“ erklären muss. Als sie kurz nach 13 Uhr die Apotheke betritt, schlägt das Warenwirtschaftssystem gerade Alarm. Bis zu diesem Zeitpunkt sind schon so viele Fixkosten aufgelaufen, dass die Abgabe von Medikamenten gedrosselt werden muss. Anderenfalls würde der Betrieb nämlich in den roten Bereich geraten, und genau das soll mit dem sogenannten BWL-EKG punktgenau verhindert werden.
Anstelle der verordneten Packung bekommt Walther nur eine einzelne Tablette überreicht. „Das muss leider erst einmal reichen“, erklärt der Apotheker seiner Stammkundin. Sie könne aber gerne am nächsten Tag wiederkommen, vielleicht sehe die Lage dann besser aus. Den hilflosen Hinweis, dass die Nachbarin doch gerade noch drei Packungen bekommen hat, wischt Nüchtern mit einer Armbewegung beiseite: Sie sei ja schon fünf Minuten früher dagewesen, da sei die Welt noch eine andere gewesen.
Apotheker rechnet vor
Dann rechnet er vor: Er und seine PTA seien seit 8 Uhr in der Apotheke, mit den bisherigen GKV-Umsätzen könne er gerade so bis Ladenschluss durchhalten, ohne dass er draufzahlen müsse. Neben den Löhnen seien auch Miete, Strom und sonstige Fixkosten anteilig berücksichtigt. Nach dem Trubel am Vormittag sei jetzt der Punkt erreicht, ab dem jede Packung ihren eigenen Deckungsbeitrag liefern müsse.
„Das ist wie bei ihrem Handy“, versucht Nüchtern seiner Stammkundin zu erklären. „Wenn das Datenvolumen aufgebraucht wird, läuft alles ein bisschen langsamer.“ Da die Seniorin aber nur ein uraltes Nokia hat, versteht sie das Beispiel nicht. Also setzt der Apotheker noch einmal an: „Ohne eine stärkere Bindung der Ausgaben an die Einnahmenentwicklung wird es nicht möglich sein, die finanzielle Tragfähigkeit der Apotheke dauerhaft zu sichern“, liest er eine leicht abgewandelte Aussage der Finanzkommission Gesundheit vor.
Schubladen zwangsverschlossen
Doch die Rentnerin versteht nicht, dass ausgerechnet sie jetzt eine „Kostentreiberin“ sein und als solche „stärker in die Pflicht genommen werden soll“. Sie wollte doch nur ihre Medikamente holen. Ob er wenigstens noch etwas zum Lesen für sie habe, will sie wissen. Doch alle Schubladen im HV-Tisch sind seit fünf Minuten zwangsverschlossen. Leider.
Nach ein paar Tagen haben sich die Kundinnen und Kunden an die neue Situation gewöhnt. Wer kann, schaut am nächsten Vormittag noch einmal vorbei, mit etwas Glück reicht das Budget noch für die aktuelle Tagesration. Dass man in der Regel bis Mittag in der Apotheke gewesen sein muss, hat sich herumgesprochen. Ist ja auch seit dem Benzinpreisdeckel einigermaßen geübt im Land.
Aber der „Zero Pay Day“ läuft bei Nüchtern auch nachts. Sobald die Notdienstpauschale aufgezehrt ist, hängt der Apotheker ein Schild ins Schaufenster: „Ab morgen wieder für Sie da, Ihr Notdienstapotheker.“
Und auch sonst hat sich das Prinzip bewährt: Pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) werden in der Apotheke zwar weiterhin angeboten, oft bricht der Prozess aber nach einer gewissen Zeit ab, sodass die Kundinnen und Kunden in der Regel ohne Auswertung der Ergebnisse nach Hause gehen. Ähnlich läuft es bei Rezepturen: Ein Teil der verordneten Wirkstoffe fällt dem Spardruck zum Opfer. Selbst der Botendienst ist nur noch eine halbe Sache: Sobald der berechnete Deckungsbeitrag aufgezehrt ist, endet die Fahrt. Die Medikamente hängen dann auf halbem Weg an einer Laterne zur Abholung bereit.
Auch wenn die Kundschaft sich an den neuen Stil der Apotheke gewöhnen muss, gibt es bereits Fans – die Krankenkassen schätzen die Methode und regen eine Novelle der Apothekenreform an. BWL-EKG soll integriert werden. Um die Kosten zu sparen, soll der sogenannte Nüchtern-Paragraf geschaffen werden, an den sich alle Apotheken halten müssen. In der Realität ist es mit dem Apothekensystem noch nicht ganz so weit gekommen – schönes Wochenende!