Wie lassen sich Ärzte entlasten? 14.01.2026 09:39 Uhr
Um die Effizienz zu steigern und die Patientenversorgung zu optimieren, wird immer wieder über ein verbindlicheres Primärversorgungssystem gesprochen. Auf der Veranstaltung „AOK im Dialog“ diskutierten Vertreter der Ärzteschaft, Politik und Krankenkassen darüber, wie das System in der Praxis umgesetzt werden könnte. Apotheken spielten in dieser Debatte jedoch kaum eine Rolle.
Im Zusammenhang mit dem Primärversorgungssystem werden immer wieder Vorschläge diskutiert, wie die nötige Verbindlichkeit hergestellt werden könnte. Dabei fielen zuletzt auch Begriffe wie Gebühren und Zuzahlungen. Zwar sieht Dr. Armin Grau (Grüne) die Notwendigkeit einer gewissen Verbindlichkeit, doch seine Fraktion setze vor allem auf positive Anreizsysteme. Für Professor Dr. Hans Theiss (CSU) steht dagegen auch die Eigenverantwortung im Vordergrund. Er betonte, dass auch die Patienten in die Spar- und Effizienzmaßnahmen mit einbezogen werden müssten – beispielsweise über Steuerungselemente wie Zuzahlungen oder Karenztage. Damit stieß er bei Grau auf entschiedenen Widerstand: Zuzahlungen würden ein Akzeptanzproblem schaffen; man solle stattdessen das System durch Prävention und die Vermeidung unnötiger Facharztkontakte effizienter gestalten.
Zu einem effizienten System gehört für Theiss auch die digitale Ersteinschätzung. Er sieht Potenzial in digitalen Systemen, schloss eine Verpflichtung dazu jedoch aus, da viele Menschen, vor allem Ältere, noch nicht digital affin seien. Er gehe jedoch von einer wachsenden Nutzung solcher Systeme aus. Auch Grau erklärte, dass eine digitale Ersteinschätzung überall dort, wo sie sinnvoll machbar sei, eine erhebliche Zeitersparnis darstellen könnte. Dennoch sprach er sich ebenfalls gegen eine strikte digitale Verpflichtung aus. Er betonte, dass Hausärzte nicht nur die Kooperation übernehmen müssten; Ziel müsse es sein, möglichst viele Probleme fallabschließend in der Primärversorgung zu lösen und eine fachärztliche Überweisung nur bei komplexeren Fragestellungen vorzusehen.
Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, forderte eine grundlegende Strukturveränderung. Die Steuerung der Patienten müsse über eine einheitliche, digital unterstützte Ersteinschätzung und eine koordinierte Terminvergabe erfolgen. Ziel sei eine möglichst fallabschließende Behandlung auf der Primärversorgungsebene, um die Fachärzte zu entlasten.
Koordination bei chronisch Kranken
Eine besondere Position nehmen chronisch Kranke ein. Dr. Anke Richter-Scheer von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) betonte, dass es verschiedene Patientengruppen gebe. Während die meisten Menschen die Hausarztpraxis als primären Versorgungsort wählen würden, sollten Chroniker die Möglichkeit haben, Fachärzte als Bezugsärzte zu definieren. Gleichzeitig müsse gewährleistet werden, dass ein Chroniker bei einer akuten Erkrankung ebenfalls Zugang zur Primärversorgung habe. Auch Reimann betonte, dass chronisch Kranke, die sich bereits in einer Behandlungskontinuität befinden, nicht erneut ein Ersteinschätzungstool durchlaufen sollten.
Grau brachte in diesem Zusammenhang Jahresüberweisungen statt Einzelüberweisungen ins Gespräch. So sollten Patienten mit komplexen oder chronischen Leiden, wie etwa MS-Patienten, die Möglichkeit einer Jahresüberweisung oder den Direktzugang zum Facharzt als Bezugsarzt behalten. Dr. Markus Beier, Bundesvorsitzender Deutscher Hausärztinnen- und Hausärzteverband, wies darauf hin, dass gerade MS-Patienten einen hohen hausärztlichen Koordinationsbedarf hätten, den Fachärzte allein – etwa bei Hausbesuchen – nicht leisten könnten.
Teampraxen und die Einbindung anderer Berufsgruppen
Angesichts der vielen offenen Hausarztsitze und des sich verschärfenden Fachkräftemangels müsse die Arbeit in der Primärversorgung auf mehr Schultern verteilt werden, betonte Reimann. Richter-Scheer forderte eine stärkere Anerkennung nichtärztlicher Fachberufe und mehr Rechtssicherheit bei der Delegation von Aufgaben. Für den Rezeptionsbetrieb brauche es keine Medizinischen Fachangestellten (MFA), sondern qualifizierte Rezeptionistinnen, um das medizinische Fachpersonal für die direkte Versorgung freizuhalten. Beier ergänzte, dass eine hausarztzentrierte Versorgung bereits heute funktioniere und das vermeintliche „Nadelöhr“ eher in der Quartalsabrechnung als in der Kapazität der Praxen liege.
Neue Aufgabenverteilung und Einbindung der Apotheken
Theiss forderte in der Debatte um die Arbeitsbelastung der Ärzte ein radikales Umdenken bei der Aufgabenverteilung und brachte dabei ausdrücklich die Apothekerschaft ins Spiel: „Ärzte müssen Dinge auch abgeben, Impfen oder Wundversorgung zum Beispiel an Apotheker“, führte er an.
Keine Milliardeneinsparungen durch Transformation
Die Beteiligten waren sich einig, dass ein Primärversorgungssystem kurzfristig keine massiven Milliardeneinsparungen bringen werde. Laut Reimann ist Geld hier aber auch nicht das primäre Thema, sondern die Sicherung der Versorgung angesichts des Fachkräftemangels.
„Das Geld ist nicht das Entscheidende, aber ein richtig gut gemachtes Primärversorgungssystem macht das System effizienter und auch günstiger“, zeigte sich Grau überzeugt. Er sehe Potenziale durch weniger Facharzttermine und verringerte Krankenhauseinweisungen. Eine gut durchgeführte Krankenhausreform, die Notfallreform und verstärkte Prävention könnten langfristig Kosten einsparen.