Primärversorgung: „Wir brauchen klare Spielregeln“ 17.09.2026 08:44 Uhr
Die schwarz-rote Bundesregierung plant, ein Primärversorgungssystem zu etablieren. Einen Referentenentwurf dafür gibt es zwar noch nicht, doch an Vorschlägen aus der Branche mangelt es nicht. Auf dem diesjährigen Deutschen Apothekertag (DAT) diskutierten Vertreter aus Politik, Kassen, Ärzteschaft, Apothekerschaft und Patientenseite.
Vor der Sommerpause habe der Bund noch das Sparpaket verabschiedet, um Beitragserhöhungen zu vermeiden, nun mache sich der Bund zu Recht auf den Weg, Strukturereformen anzugehen. „Meines Erachtens ist das Primärversorgungssystem mit das dickste Brett, aber das ist es wert“, ist Dr. Hans Theiss (CSU) überzeugt.
„Immer wieder beklagen wir uns über Unter-, Über- und Fehlversorgung. Der Versicherte wandert durch das System – ohne eine gute Orientierung“, so Anne-Kathrin Klemm vom BKK-Dachverband. Innerhalb des Primärversorgungssystems müsse es eine durchgängige Versorgungskette geben. Statt digitaler Ersteinschätzung allein, machte sie sich für die digitalgestützte Ersteinschätzung stark, die überall stattfinden könne. „Das muss nicht in der Arztpraxis sein, das kann auch in der Apotheke sein.“ Die richtige Versorgungsebene sei nicht immer zwingend der Arzt, betonte sie. Allerdings müssten zwingend Doppelstrukturen vermieden werden. Daher brauche es eine funktionierende elektronische Patientenakte (ePA).
„Die Spielregeln, nach denen wir arbeiten, müssen ganz klar sein“, betonte Dr. Oliver Funken von der Ärztekammer Nordrhein. Er müsse nicht jeden Patienten in seiner Praxis sehen. Man müsse schauen, wie der „Schutzschirm“ davor ausgestaltet werden könne.
Auch Abda-Präsident Thomas Preis pflichtete bei: Man müsse hier strukturiert vorgehen. Es gebe viele leichte Erkrankungen, die keine ärztliche Versorgung brauchten. Die Apotheken könnten hier Hilfestellung leisten, auch hinsichtlich Gesundheitskompetenz, quasi als Anleitung zur Selbsttherapie. „Das ist wichtig, wir müssen die Arztpraxen entlasten“, betonte Preis. Der Arzt müsse sich nicht mit einer einfachen Virusinfektion beschäftigen. Außerdem müssten die Patienten verstehen, dass sie innerhalb eines solidarischen Gesundheitssystems auch selbst Verantwortung übernehmen müssten.
Patient muss Besserung spühren
Bei der Primärversorgung gehe es vor allem um eine Verbesserung der Situation der Patienten, betonte Theiss. „Die Patienten müssen das Gefühl haben, dass es besser wird.“ Insbesondere lange Wartezeiten seien hier ein relevantes Thema. Das Ziel müsse sein, dass dringliche Fälle schneller an den Arzt kommen. „Ich hoffe sehr, dass das so funktioniert. Dafür müssen ein paar harte Nüsse geknackt werden“, räumte er ein. Gerade bei der Terminfrage werden sich auch die Ärzte bewegen müssen, erklärte er.
Auch Thomas Zöller (Freie Wähler), der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, sieht das Problem vieler unnötiger Arztkontakte. Grund sei auch, dass sich die Patienten im System ein wenig verloren fühlten. „Wir müssen die Menschen dabei mitnehmen.“
„Die Apotheken sind bereits Primärversorger“, erklärte Preis. Er verwies auf die OTC-Abgabe. Man müsse ein Primärversorgungssystem mit den Apotheken denken, sonst vergebe man eine Chance, so Preis. Dazu brauche es aber Strukturierung, damit es nicht ein Überangebot an sinnfreier diagnostischer Versorgung gebe, hielt Funken dagegen. „Wenn nun die Kassen mit Zusatzleistungen weiter belastet werden, ist das ein Problem.“ Die Apotheken hätten nun die große Verantwortung, klug auszuwählen, welche Leistungen sie anbieten und welche nicht.
Evidenzbasierte Leistungen
Auch Klemm stimmte zu, es sei wichtig, dass eine Leistung evidenzbasiert sei und sich in einen Versorgungspfad integriere. Nicht jeder, der reinkommt, dürfe einfach Blutwerte bestimmt bekommen, nur weil das eben eine neue pDL sei. Es brauche ein System, in dem der Patient je nach individuellem Fall versorgt werde. Jemand, der dringlich zum Facharzt muss, müsse schnell einen Termin bekommen. Allerdings müsse eben nicht jeder Fall automatisch in die Praxis führen. Bei einer Erkältung reichen eben Apotheke und Bettruhe. Neben den Apotheken müssten auch andere Gesundheitsberufe eingebunden werden, wie zum Beispiel die Pflegeberufe.
Außerdem müsse man raus aus dem Reparaturbetrieb, so Klemm weiter. Man müsse die Bevölkerung gesund halten, „sonst ist das auf Dauer nicht finanzierbar.“ „Prävention ist der allerwichtigste Hebel“, pflichtete auch Theiss bei. Auch in der Politik, die normalerweise eher einen Blick auf einen Horizont von vier bis fünf Jahren habe, sei das Thema angekommen. Das zeige sich zum Beispiel bei der Tabaksteuer.
Keine Doppelleistungen
Natürlich dürfe es keine Doppelleistungen geben – „das ist eine Sache der Dokumentation“, so Preis. „Wenn wir impfen, wird das im Impfpass dokumentiert, wenn der Patient dann in die Praxis geht, ist klar, dass er dort nicht noch mal dieselbe Leistung erhält.“ Genau so müsste es auch in den anderen Bereichen sein, zum Beispiel bei Leistungen zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In einem Entwurf für ein Präventionsgesetz vom damaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) seien zum Beispiel Voucher vorgesehen gewesen, die, über die Krankenkassen verteilt, zu einem Check-up berechtigen. Auch mit einem solchen System könnten Dopplungen vermieden werden. „Sie haben der Apotheke neue Leistungen gegeben, jetzt muss man schauen, wie man das in die Primärversorgung integrieren kann.“
Die Leistungsausweitung werde man sich sehr genau anschauen müssen. „Ich bin sehr wohl dafür, die Apotheken einzubinden, man muss das aber sehr klug monitoren, damit es nicht zu einer Überversorgung führt“, so Theiss. Beim Impfen sei das was anderes, wegen der niedrigen Impfquoten. Auch bei Virusinfektionen könne er sich eine stärkere Rolle der Apotheken sehr gut vorstellen, aber andere Bereiche müsse man genau evaluieren, so Theiss.
Mit einem Voucher sei das Prinzip Gießkanne gemeint, kritisierte Klemm. „Es muss schon eine Indikation da sein, es muss schon ein Risiko-Patient sein, denn alles andere werden wir nicht bezahlen können.“ Die Gesundheitsberufe werden alle mehr als genug zu tun haben, „da müssen wir nicht neue Leistungen generieren, die den Versicherten nichts bringen“. Außerdem dürften Maßnahmen, die nun in der Apotheke erbracht werden, keine Gelder sein, die on top kommen.
Tests in Apotheken
Hinsichtlich der neuen Tests in Apotheken warb Preis um eine strukturierte Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft. Man müsse gemeinsam Qualitätsstandards festlegen, dann könnten Praxen und Apotheken beide zuverlässig testen. Dafür sei die digitale Dokumentation ganz wichtig. Er könne sich nicht vorstellen, die Primärversorgung über die Hausärzte allein zu organisieren, da viele Hausarztpraxen bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen würden.
Laut Funken gebe es Fälle, zum Beispiel multimorbide Patienten, in denen der Hausarzt der geeignete Lotse sei, aber nicht bei Husten und Schnupfen. „Wir müssen den Referentenentwurf abwarten“, so Theiss. Man wolle keinen Flaschenhals durch die Hausärzte und die Versorgung am Ende auf breitere Schultern verteilen.
Keine AU ab Tag eins
„Krankschreibung ab dem ersten Tag wird die Hausarztpraxen enorm zusätzlich belasten. Das ist Quatsch, das brauchen wir nicht“, so Zöller deutlich. Auch Theiss lenkte ein: „Es gibt keine wirkliche Evidenz, dass die Krankschreibung am ersten Tag den Krankenstand senkt. Ich bin skeptisch, ob dieses Instrument diese Probleme löst.“