Primärversorgung: SBK für zusätzliche Aufgaben für Apotheker 27.01.2026 14:08 Uhr
Um eine bessere Steuerung der Patientinnen und Patienten im Gesundheitssystem zu erreichen, plant die Bundesregierung unter anderem, ein Primärversorgungssystem einzuführen. Damit soll der Zugang zur medizinischen Versorgung erleichtert und die Zeit der Ärztinnen und Ärzte sinnvoller genutzt werden. Doppeluntersuchungen und unnötige Facharzttermine sollen so vermieden werden. Die Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) begrüßt den Vorschlag grundsätzlich und skizziert aus ihrer Sicht die notwendigen Erfolgsfaktoren für ein funktionierendes System. Dabei spielen auch Apothekerinnen und Apotheker eine Rolle.
Eigentlich würden in Deutschland aktuell deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte sowie Gesundheitspersonal als vor zehn Jahren arbeiten, erklärt die SBK. Doch die Strukturen veränderten sich: In vielen Praxen, wie auch sonst in der Wirtschaft, arbeiteten viele Beschäftigte in Teilzeitmodellen – dadurch stünden insgesamt nicht mehr Sprechstunden zur Verfügung.
Gleichzeitig suchten Menschen häufiger ärztlichen und gesundheitlichen Rat, weil sie aufmerksamer mit ihrem Körper umgingen und frühzeitig Gewissheit wollten. „Während man früher bei kleinen Beschwerden erst mal die Oma gefragt hat, googeln wir heute Symptome oder informieren uns in sozialen Medien. Das verunsichert – und führt dazu, dass viele lieber gleich ärztliche Hilfe suchen“, so die SBK. Zudem seien die Menschen in Deutschland im Schnitt älter und damit auch öfter krank.
Damit ein solches Primärversorgungssystem erfolgreich sein könne, müssten haus- und fachärztliche Praxen, nichtärztliches Personal und digitale Tools eng zusammenarbeiten. Laut der SBK sind vor allem vier Punkte für den Erfolg dieses Systems entscheidend:
Digitale Ersteinschätzung
Wichtig sei, dass Menschen wüssten, wann sie wirklich zum Arzt müssten – und wenn ja, zu welchem. „Um das herauszufinden, ist ein digitales Ersteinschätzungstool das richtige Mittel und wird in vielen europäischen Ländern schon erfolgreich genutzt.“ Grundbedingung müsse sein, dass Patientinnen und Patienten eine echte Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Kanälen haben: Egal ob über eine App, am Praxistresen oder per (Video-)Telefonie – die Einschätzung müsse über jeden Kanal nach den gleichen Grundsätzen erfolgen. Niemand dürfe aufgrund seiner Toolwahl benachteiligt werden.
Dieses Tool solle die Betroffenen gezielt weiterleiten. Im ersten Schritt sei zu klären, ob ein persönlicher Kontakt überhaupt nötig sei oder ob es besser wäre, die Krankheitsentwicklung zunächst zu beobachten. Einfache Fälle könnten direkt digital gelöst werden – etwa durch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Videocall. Das schaffe in den Praxen mehr Zeit für Behandlungen, die physische Präsenz erfordern. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der SBK zeigt die Stimmung in der Bevölkerung: 36 Prozent befürworten demnach eine solche Ersteinschätzung, 33 Prozent lehnen sie ab, während 25 Prozent unentschlossen sind.
Gesundheitskompetenz stärken
Die Steigerung der Gesundheitskompetenz sei ein weiterer Pfeiler. Die Versicherten müssten befähigt werden zu entscheiden, wann ein Arztbesuch notwendig sei. Auch wenn eine ärztliche Behandlung nicht erforderlich ist, benötigten Hilfesuchende Unterstützung zur Selbsthilfe. „Uns als Kassen kommt in diesem Rahmen die Rolle zu, zu informieren, motivieren und sensibilisieren“, so die SBK.
Terminvergabe nach Dringlichkeit
Die Mitbehandlung in Facharztpraxen oder stationären Einrichtungen müsse gut organisiert werden. Dazu gehöre eine koordinierte Terminorganisation, die sicherstellt, dass dringliche Anliegen Vorrang haben.
Versorgung auf mehrere Schultern verteilen
Analoge und digitale Methoden müssten sinnvoll ineinandergreifen. Digitale Wege entlasteten die Praxen, während medizinisches Fachpersonal stärker in den Prozess eingebunden werden müsse. Erfahrungen aus Skandinavien zeigten, dass für eine telefonische Ersteinschätzung nicht zwingend ärztliches Personal nötig sei; in Schweden oder Finnland spiele das Pflegepersonal hierbei eine bedeutende Rolle.
„Im weiteren Behandlungsverlauf können Fachberufe wie Medizinische Fachangestellte oder Apothekerinnen und Apotheker zusätzliche Aufgaben übernehmen, um Ärztinnen und Ärzte zu entlasten“, erklärt die SBK. Laut der YouGov-Umfrage begrüßt mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) eine stärkere Einbindung medizinischen Fachpersonals. Besonders die Abfrage von Beschwerden, Behandlungen und Medikamenten als Vorbereitung aufs Arztgespräch sowie Beratungen zum Verhalten im Krankheitsfall stoßen demnach mit rund 50 Prozent auf hohe Zustimmung.