Interview

MVDA: Müssen uns dem Wandel stellen Lothar Klein, 21.03.2018 10:33 Uhr

Berlin -

Der Marketingverein Deutscher Apotheker (MVDA) will den Rx-Versand zur Sicherung der flächendeckenden Arzneimittelversorgung erhalten. Im Interview mit APOTHEKE ADHOC begründen MVDA-Vize-Präsident Dr. Holger Wicht und Norbert Peter, Leiter des Arbeitskreises Gesundheitspolitik, diesen Vorstoß: „Wir können uns aber dem demographischen Wandel und den Wünschen der Patienten nicht verschließen“, so Wicht. Peter: „Wir müssen den politischen Realitäten ins Auge schauen. Die Politik erwartet von uns längerfristige Lösungsansätze.“ Es gehe nicht darum, die Apothekerschaft zu spalten.

ADHOC: Im Gegensatz zur ABDA hält der MVDA den Rx-Versand für die flächendeckende Arzneimittelversorgung für unverzichtbar. Wie gelangen Sie zu dieser Einschätzung? Was sind die Argumente?
WICHT: Einen reinen flächendeckenden und unregulierten Rx-Versandhandel lehnen wir ab, denn beliefern allein bedeutet nicht versorgen. Wir können uns aber dem demographischen Wandel und den Wünschen der Patienten nicht verschließen. Deshalb glauben wir, dass der Belieferungsweg Arzneimittelversand für Rx-Arzneimittel mittelfristig ein ergänzender Zustellungsweg aus der Vor-Ort-Apotheke sein kann und den Botendienst heutiger Prägung erweitern wird.

Der Patient entscheidet gemeinsam mit dem Apotheker, auf welchem Weg das Arzneimittel zugestellt wird. Dabei ist es aber wichtig, dass die persönliche Beratung aus der seit Jahren vertrauten Vor-Ort-Apotheke erhalten bleibt. So wird die für die Versorgung unverzichtbare Vor-Ort-Apotheke gestärkt.

ADHOC: Sie fallen der ABDA damit in den Rücken und spalten die Apothekerschaft. Hat die ABDA seit dem EuGH-Urteil die falsche politische Strategie gefahren? Sie wollen den Rx-Versandhandel nur für Vor-Ort-Apotheken im Umkreis von 25 Kilometern zulassen. Wo ist da der Unterschied zum Botendienst? Warum reicht die derzeitige Regelung nicht aus?
PETER: Wir sehen hier keinen Spaltungsansatz. Wir stehen hier ebenso wie Herr Becker vom DAV für die unbedingte Einhaltung der Gleichpreisigkeit. Aber wir müssen den politischen Realitäten ins Auge schauen. Die Politik erwartet von uns längerfristige Lösungsansätze. Ein mögliches Rx-Versandverbot würde uns Zeit verschaffen. Zeit, die notwendig wäre, um die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Erhalt einer flächendeckenden Versorgung mit Arzneimitteln auf den Weg zu bringen und dabei das flächendeckende Netz der Vor-Ort-Apotheken zu stärken.

Der Belieferungsweg Versand ist eine sinnvolle Ergänzung des Botendienstes und nicht auf Ausnahmefälle beschränkt. Mit der Begrenzung auf 25 Kilometer Umkreis haben wir einen Vorschlag gemacht, der die enge Beziehung zwischen der Vor-Ort-Apotheke und dem Patienten unterstreichen soll. Weitere Kriterien sind die Belieferung mit BTM-, Kühl-Arzneimitteln, Anfertigung von Individual-Rezepturen, Notdienst und Notfalldepot. Die Summe dieser Kriterien erfüllt nur eine vollversorgende Vor-Ort-Apotheke und kein teilversorgender und rosinenpickender Versandhandel. Aus Patientensicht ist die derzeitige Botendienst-Regelung ohnehin nicht mehr zeitgemäß aufgrund eines sich verändernden Kundenverhaltens. Auch nimmt der Anteil immobiler Patienten zu.

Es ist im Übrigen auch nicht nachvollziehbar, warum der pharmazeutische Großhandel für Kurzstreckenbelieferungen Kühlfahrzeuge nutzen muss, während die Versender Arzneimittel für mehrere Tage ohne thermische Mindestvorgaben quer durch die Republik oder gar über Landesgrenzen hinweg verschicken dürfen.

ADHOC: Inwiefern war der Vorschlag von Ex-Gesundheitsminister Gröhe zum Botendienst zielführend?
WICHT: Die Entkopplung der Botentätigkeit von einer pharmazeutischen Qualifikation des Boten war ein Schritt in die richtige Richtung, aber er ging von einer Umsetzung des nachhaltigen Rx-Versandverbotes aus.

ADHOC: Wer soll die Arzneimittel ausliefern?
PETER: Wie Dr. Wicht schon vorher ausgeführt hat, entscheidet der Patient gemeinsam mit dem Apotheker, auf welchem Weg das Arzneimittel zugestellt wird. Dies kann sowohl der Apothekenbote, als auch im Einzelfall ein Päckchen sein.

ADHOC: Inwiefern ist dabei an Pick-up-Stellen gedacht?
WICHT: Gar nicht, denn es geht um eine Stärkung der Vor-Ort-Apotheken, um die flächendeckende Versorgung zu erhalten. Dazu ist die Apotheke vor Ort die beste Pick-Up-Stelle für Arzneimittel.

ADHOC: Wie wollen Sie verhindern, dass Rezepte „abgefischt“ werden?
PETER: Das ist aus unserer Sicht durch ordnungspolitische Rahmenbedingungen zu regeln.

ADHOC: Inwiefern teilen Sie die Einschätzung, dass dadurch bestehende Landapotheken weiter gefährdet werden? Ist eine Erlaubnispflicht geplant?
PETER: Im Gegenteil, wir haben mit unseren Vorschlägen die Stärkung der bestehenden Vor-Ort-Apotheken im Blick. Damit kann die flächendeckende Versorgung der Patienten am besten gewährleistet werden. Gerade durch den Erhalt der Vor-Ort-Apotheken in der Fläche bleibt es möglich, in einem zukünftigen Gesundheitssystem auch weitere Versorgungsaufgaben an die qualifizierte Apothekerschaft zu übertragen. Denn zukünftig müssen weitere neue Versorgungsaufgaben in der Fläche geleistet werden, ich erwähne dazu beispielhaft die Telemedizin unter den Bedingungen des Datenschutzes. Oder wollen Sie ihren Arzt über Skype oder WhatsApp kontaktieren? Auch dazu haben wir in unserem Positionspapier verschiedene Vorschläge unterbreitet.

ADHOC: Soll der MVDA-Rx-Versand ein freiwilliges Zusatzangebot der Vor-Ort-Apotheken werden oder wie der Nacht- und Notdienst zum Pflichtprogramm gehören?
WICHT: Wenn Sie damit das Angebot LINDA 24/7 meinen, so ist dies ein Click&Collect-System, welches dem Kundenwunsch nach ständiger und digitaler Erreichbarkeit der Apotheke seines Vertrauens nachkommt. Wir formulieren das bei uns im MVDA immer etwas flapsig: „Der Kunde soll immer das bekommen, was er haben möchte!“ Und der Kunde denkt eben heute zunehmend digital und wenn das sein Weg zur Apotheke ist, müssen wir diesen Weg anbieten. Wir streben bei diesem freiwilligen Angebot natürlich eine Flächendeckung an, damit der Kundennutzen überall erlebbar wird.

ADHOC: Inwiefern zielt der Vorschlag auf das Vorbestell- und Lieferkonzept „Linda 24/7“ ab?
PETER: Ich möchte klarstellen, es handelt sich bei LINDA 24/7 um ein Vorbestellsystem sowie eine App, welche alle digitalen Kommunikationswege abdecken soll. Unser politischer Vorschlag ist unabhängig von LINDA 24/7. Unser Positionspapier kümmert sich um die zukünftigen Rahmenbedingungen der Arzneimittelversorgung in der Fläche.

ADHOC: Ist unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt ein kostendeckender Versandhandel möglich?
PETER: Wir kennen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Versandhandels, insbesondere des grenzübergreifenden Versandhandels nicht. Uns geht es um die Regulierung des Rx-Versandes als einen Belieferungsweg aus der niedergelassenen Vor-Ort-Apotheke.

ADHOC: Der MVDA will Apotheken zur Versorgungsdrehscheibe im Gesundheitssystem entwickeln. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe der ABDA?
WICHT: Die Veränderungen auf dem Apothekenmarkt gehen die gesamte Apothekerschaft an. Wir, als größte unabhängige Apothekenkooperation, sehen es als unsere Aufgabe an, uns aktiv an der Weiterentwicklung des Gesundheitssystems der Zukunft zu beteiligen.