Pharma 2026

Müller: „Müssen jedes Jahr ein neues Defizit stopfen“ 11.02.2026 12:06 Uhr

Berlin - 

Aktuell sei die drängendste Aufgabe von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) und der Koalition, das GKV-Defizit zu beheben, erklärte Thomas Müller, Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium (BMG), auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Pharma 2026“. Müller warnte eindringliche davor, dass steigende Lohnnebenkosten die Wettbewerbsfähigkeit und den Standort gefährden.

Der Pharmadialog sei noch nicht beendet, erklärte Müller einleitend. Er könne heute nur Einblick in die Diskussionen geben und kein Ergebnis vorwegnehmen. „Wir werden bis zum Herbst noch viele Diskussionen haben. Der Dialog hat jetzt insofern aber eine Bedeutung, weil wir früher schon – nämlich Ende März – die Ergebnisse der GKV-Finanzkommission erwarten. Und das bildet sich dann auch im Pharmadialog ab“, so Müller.

Die GKV-Ausgaben und -Einnahmen würden immer weiter auseinandergehen. Dieser Trend werde sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen, sodass die Bundesregierung jedes Jahr mit einem größer werdenden Defizit konfrontiert sein werde. „Das heißt, dass wir jedes Jahr ein Defizit haben, was wir stopfen müssen, und das ist jetzt tatsächlich für Ministerin Warken im Grunde die wichtigste Aufgabe der Legislatur – nicht nur für sie, weil das natürlich von allen mitgetragen werden muss. Ich kann nur hoffen, dass die Koalition die Kraft hat, das auch zu machen“, betonte er. Denn wenn das nicht gelinge, dann werde es in der GKV sehr stark knirschen und schlussendlich überall nachteilig sein.

„Die finanzielle Stabilität der GKV ist ein so überragend hohes Gut, dass wir uns überhaupt nicht vorstellen können, was passiert, wenn das nicht funktioniert“, erklärte er. Dazu gehöre auch, dass die Leistungserbringer wie Ärzte und Apotheker ihr Geld bekämen. „Es läuft noch ganz gut, aber wenn wir hier nicht aufpassen und wir heben zum Beispiel die Lohnnebenkosten an und die Beiträge steigen weiter, dann wird es sehr schwierig für den Standort Deutschland, für die Wettbewerbsfähigkeit und auch am Ende für die Attraktivität.“

Was in der Diskussion schwierig sei: Wenn die einzelnen Sektoren bei Sparmaßnahmen aufeinander verweisen – das werde so nicht mehr funktionieren. „Das muss am Ende ein Paket werden.“

Versicherungsfremde Leistungen

Die GKV könne nur funktionieren, wenn die Einnahmen die Ausgaben decken. Warken setze sich sehr stark dafür ein, dass versicherungsfremde Leistungen nicht mehr aus Beitragsmitteln finanziert werden, sondern mehr Geld vom Bund dafür bereitgestellt werde. Man sei in Verhandlungen mit dem Finanzministerium. Das sei zwar richtig so, würde aber nur einen einmaligen Effekt haben und keinen nachhaltigen.

Liefervorgaben und Rabattverträge

Zum Pharmadialog erklärte Müller unter anderem, dass die aktuelle Sechs-Monats-Lagerpflicht für alle Rabattverträge vermutlich noch einmal ausdifferenziert werde. Möglicherweise könne man hier künftig auf spezifische statt auf pauschale Lösungen setzen.

Hinsichtlich der Idee, die EU-Produktion zu bevorzugen – wie es auch auf EU-Ebene im Zusammenhang mit dem „Critical Medicines Act“ diskutiert wird –, zeigte er sich skeptisch. Pharma-Lieferketten seien global komplex aufgebaut. „Was wir brauchen, ist Diversifizierung, nicht Abschottung“, so Müller.

Er äußerte sich auch zu exklusiven Rabattverträgen: „Wir kommen dann schnell in eine Verengung des Marktes, wenn wir zum Beispiel einen klassischen exklusiven Rabattvertrag ansetzen würden.“

In diesem Bereich werde man Anpassungen vornehmen. „Es gibt jetzt die Richtlinie vom Gemeinsamen Bundesausschuss zur Austauschbarkeit bon Biologika. Da sind wir auch voll dahinter“, betonte Müller. Das BMG habe die Richtlinie rechtlich geprüft und nicht beanstandet; sie wird voraussichtlich im zweiten Quartal in Kraft treten. Diese besagt, dass Apothekerinnen und Apotheker beispielsweise einen Pen mit einem Antikörper austauschen können, wenn ein Rabattvertrag besteht oder ein günstigeres Präparat verfügbar ist. Die Regelungen hierzu seien zwar komplex, würden aber in der Praxis gut funktionieren.

AMNOG-Entschlackung

Auch über eine „Entschlackung“ des AMNOG-Verfahrens wurde diskutiert. Bei sehr kleinen Patientengruppen oder einem geringen Budget-Impact könnte das Verfahren anders gestaltet werden; unter Umständen könnte sogar gänzlich darauf verzichtet werden. Auch die anwendungsbegleitende Datenerhebung sei aktuell „dysfunktional“. Seine Prognose laute daher, dass man hier etwas ändern, das Verfahren abschaffen oder ersetzen müsse. Auch vertrauliche Erstattungspreise würden in der Arbeitsgruppe eher kritisch gesehen und könnten nicht die alleinige Lösung sein.

Es gehe hierbei um eine „Mission Impossible“: Auf der einen Seite solle der schnelle Zugang zu innovativen Arzneimitteln erhalten oder verbessert werden, während gleichzeitig die Finanzierung sichergestellt werden müsse. Ende März werden die Ergebnisse der GKV-Finanzkommission erwartet, die sich ebenfalls mit diesen Themen befassen wird.

Zum Punkt KI und Forschung äußerte sich Müller zurückhaltend. Gesundheitsdaten müssten für Forschung und Entwicklung zugänglich gemacht werden. KI könne möglicherweise bei der Vorauswahl von Wirkstoffen helfen. Müller bezweifelt jedoch, dass sie klinische Studien kurzfristig ersetzen kann.

US-Pharmapolitik

Auch auf die aktuelle US-Zollpolitik kam Müller zu sprechen. Es gebe keine Entwarnung, aber die „ganz große Aufregung“ der ersten Tage habe sich gelegt. Kommunikationskanäle würden bereits stehen. Deutschland sei im Pharmabereich Nettoexporteur im Milliardenbereich und auf offene Märkte angewiesen, betonte er. Ein Wegbrechen der US-Gewinne würde die liquiden Mittel für weltweite Forschung und Entwicklung reduzieren. „Wir können uns nicht abschotten, wir setzen hier darauf, dass wir unseren Standort stärken müssen.“

Kritisch sei auch das geplante US-Referenzpreismodell. Deutschland sei eines der ganz wenigen Länder mit einer sehr hohen Preistransparenz, daher habe das Land auch jetzt schon eine zentrale Rolle als Preisreferenz. Wenn die USA deutsche Preise als Benchmark nutzten, könne die Preisfindung in Deutschland, die bisher sehr marktoffen und transparent sei, massiv erschwert werden.

Deutschland habe von der Transparenz auch profitiert, so Müller. Man müsse sich nun darauf konzentrieren, dass in Deutschland weiterhin ein attraktives Umfeld angeboten werde. „De facto können wir die 50 Prozent Umsatz nicht kompensieren – wenn die USA wegbrechen, dann wird das problematisch“, so Müller. Man müsse abwarten, was die USA nun tatsächlich wie umsetzen. Bisher sehe Müller noch großen Optimismus bei den Firmen.