Hauptstadtkongress 2026

Lucas: Apotheken gehören in die Primärversorgung 24.06.2026 17:53 Uhr

Berlin - 

Das Gesundheitssystem steht unter finanziellem Druck. Die Finanzierungslücke im kommenden Jahr betrage fast 20 Milliarden Euro, erklärte Dr. Martin Albrecht, IGES Institut, auf dem Hauptstadtkongress. Die Stabilisierung der GKV-Finanzen sei zweifelsfrei notwendig, man dürfe aber nicht nur über die Ausgaben sprechen, sondern müsse auch über den intelligenten Einsatz von Versorgungsressourcen sprechen, betonte Abda-Vize Dr. Ina Lucas. „Beides muss zusammen passieren, und die Apotheke vor Ort ist eine solche Versorgungsressource.“

Die Apotheke sei niedrigschwellig erreichbar, kompetent und flächendeckend verfügbar. „Deswegen ist sie für mich richtig mitgedacht, in stärkerer Einbindung mit Prävention, Früherkennung und insgesamt auch in die Primärversorgung. Ich glaube, Apotheken können einen Beitrag leisten“, so Lucas. Sie können helfen, Erkrankungen früher zu erkennen, Therapien erfolgreicher zu machen und kostenintensive Folgeerkrankungen zu reduzieren.

Die Apotheke könne eine Struktur bieten, die ansprechbar sei und die am Ende auch zur Koordinierung beitrage. „Ich will ganz deutlich betonen, die wichtigste Ressource oder eine der wichtigsten Ressourcen in diesem Gesundheitssystem ist die ärztliche Ressource. Die müssen wir alle gemeinsam schützen. Trotzdem müssen wir uns die Frage stellen, wie wollen wir das System insgesamt auf Kurs kriegen“, so Lucas. Die Apothekerinnen und Apotheker würden sich auch nicht zwingend an einem gewissen Sparbetrag stören. Ein nicht mehr funktionierendes System A in ein neues System B zu überführen, werde aber nicht ohne Investitionen gehen. „Uns treibt die Fragestellung um, wie organisieren wir das Ganze neu?“

Verantwortung des Patienten

Mit Blick auf ein Primärversorgungssystem forderte Dr. Dirk Heinrich, Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte (Spifa), vor allem auch, den Patienten verpflichtend mit einzubeziehen: „Am Ende wird es nur gehen, wenn die Versicherten über Selbstbeteiligungsmodelle mit einbezogen werden“, erklärte er. Sonst würden die Versicherten weiter zum Arzt oder Facharzt gehen. Die Patienten müssten es selbst im Geldbeutel spüren.

Auch vdek-Chefin Ulrike Elsner ist der Meinung, dass es mehr Steuerung im ambulanten Bereich brauche. Allerdings schreckt sie vor einer Verpflichtung der Patientinnen und Patienten zurück. „Ich glaube, die Eigenbeteiligung würde für mich am Ende stehen“, sagte sie. Sie würde zuerst auf eine bessere Steuerung und Digitalisierung, insbesondere eine digitale Ersteinschätzung, setzen.

Gleiche Standards bei Tests in Apotheken

„Das digitale Ersteinschätzungssystem muss verpflichtend sein“, betonte Heinrich erneut. Man komme nicht drum herum, auch den Patienten etwas zuzumuten. Man dürfe die Lasten nicht allein auf die Ärzteschaft verschieben. „Ich weiß auch nicht, ob uns neue Player im Gesundheitssystem weiterhelfen“, kritisierte er. Insbesondere, wenn sie Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet seien. Wenn Schnelltests in Apotheken gemacht werden sollen, müssten hier dieselben Qualitätskriterien angelegt werden wie bei den Ärzten. „Natürlich müssen wir alle nach denselben Regeln spielen“, pflichtete Lucas bei.

Auch Lucas stimmte zu: Die Leistungserbringer brauchten digitale Werkzeuge, die den Ist-Zustand des Patienten quasi „auf Knopfdruck“ zeigten. „Wir brauchen eine digitale Ersteinschätzung, wir müssen logische Patientenpfade beschreiben – auch für manche, die noch nicht krank sind“, betonte sie. Das sei alles kein Hexenwerk, in anderen Ländern funktioniere das bereits.

Ehrliche Kommunikation

Die Warnung der Ärzteschaft vor Terminverknappungen im Zusammenhang mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) sei keine Drohgebärde, sondern der Versuch, die Bundesregierung noch mal aufzuwecken, sagte Heinrich. Die GKV-Debatte werde zutiefst unehrlich geführt, kritisierte er. „Wir wehren uns nicht gegen Strukturreformen, das wird aber mit einer solchen Spardebatte nicht mehr wirklich gelingen“, erklärte er.

Es sei in der Debatte um ein Primärversorgungssystem ursprünglich um die Facharzttermine gegangen. Die Sparreform ginge jetzt aber vor allem zu Lasten der fachärztlichen Versorgung. Gleichzeitig wolle der Bund aber mehr Termine in dem Bereich. „Wenn meine Leistungen nicht mehr bezahlt werden, dann kann ich sie nicht mehr anbieten“, erklärte er. Am Ende bade das der Patient aus – mit längeren Wartezeiten. „Sparpolitik bleibt nicht ohne Folgen.“ Dieser Fakt ändere sich nicht, bloß weil die Politik das anders suggeriere.

Es brauche eine andere Kultur der Kommunikation in Richtung Patienten, forderte Elsner. Schließlich könne es je nach Fall auch okay sein, länger auf einen Facharzttermin zu warten.

„Einen Kulturwandel bekommen wir nur hin, wenn wir die tatsächlichen Folgen kommunizieren“, wiederholte Heinrich. Die politische Frustration komme vor allem daher, dass man Versprechungen mache und dann nicht einhalten könne.

„Ich glaube, dass wir uns diese Zumutung durchaus leisten können. Das müssen wir gut kommunizieren und erklären“, meinte Lucas. Man könne hier gut zusammenarbeiten – „immer mit dem Versprechen, dass wir keine ärztlichen Leistungen übernehmen wollen“. Mit einem zertifizierten Ersteinschätzungstool, um die Ressourcen und Verfügbarkeiten besser zu nutzen, könne man den Patienten erklären, dass, wenn er wirklich einen Arzt brauche, auch in kürzester Zeit einen Arzttermin bekomme. Aber diejenigen, die keinen ärztlichen Bedarf haben, eben auch nicht.

Elsner: Keine Alternative zur Konsolidierung

Es gebe keine Alternative zur Ausgabenkonsolidierung, betonte Elsner. Bei den Beitragserhöhungen sei man am Ende der Fahnenstange. Man habe viel Geld im System. Die Kassen hätten gern mehr Wettbewerb: „Wir dürfen keine Hilfsmittel und keine Biosimilars ausschreiben. Hier wird Interessenpolitik zu Lasten der Beitragszahler gemacht“, so Elsner.

Auch seitens der Krankenhäuser reißt die Kritik an den Sparreformen nicht ab. Man könne nicht Tarifverträge wollen, aber diese nicht refinanzieren; genauso wenig könne man Personalvorgaben machen und sie nicht refinanzieren. Das seien im höchsten Maße ideologisch getriebene Vorgaben, betonte Thomas Bublitz, Bundesverband Privatkliniken. „Wir können günstiger werden, wir können effizienter werden, aber nur, wenn die Vorgaben gelockert werden“, betonte er.