LAV: Minister soll Ausschreibungen stoppen 02.10.2026 14:32 Uhr
In einem Brief an den baden-württembergischen Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) warnt der Landesapothekerverband Baden-Württemberg (LAV) vor der geplanten Wiedereinführung apothekenbezogener Ausschreibungen für Zytostatika. Der LAV sieht darin erhebliche Risiken für die Versorgung von Krebspatientinnen und Krebspatienten.
Onkologische Praxen und herstellende Apotheken müssten eng und kurzfristig zusammenarbeiten können. „Gerade in der Krebstherapie kommt es auf eingespielte Abläufe, kurze Wege und eine verlässliche Zusammenarbeit zwischen Arztpraxis und Apotheke an“, sagt LAV-Präsidentin Tatjana Zambo. „Diese Strukturen dürfen nicht durch ein Ausschreibungssystem gefährdet werden.“
Der LAV befürchtet, dass Ausschreibungen die Versorgung auf immer weniger spezialisierte Betriebe konzentrieren könnten. Zytostatika herstellende Apotheken unterhielten aufwendige Reinräume und beschäftigten besonders qualifiziertes Personal. Solche Strukturen könnten nicht kurzfristig an gewonnene oder verlorene Ausschreibungen angepasst werden. In Baden-Württemberg werden demnach Sterilrezepturen durch 15 öffentliche Apotheken und 20 Krankenhausapotheken hergestellt. „Wenn spezialisierte Herstellungskapazitäten einmal verloren gehen, lassen sie sich nicht ohne Weiteres wieder aufbauen“, warnt Zambo.
Längere Wege als Risiko
Eine stärkere Konzentration der Herstellung könnte nach Einschätzung des LAV gerade in einem Flächenland wie Baden-Württemberg zu längeren Versorgungswegen führen. Gleichzeitig würde die kurzfristige Abstimmung zwischen onkologischen Praxen und Apotheken erschwert. Änderungen einer Therapie können noch am Behandlungstag notwendig werden. Je größer die Entfernungen und je geringer die Zahl verfügbarer Ausweichmöglichkeiten sind, desto schwieriger wird eine schnelle und verlässliche Versorgung. Betroffen wären zudem nicht nur Krebsbehandlungen, da die spezialisierten Apotheken unter anderem auch parenterale Schmerzmittel, Ernährungslösungen sowie Antibiotika- und Virostatika-Infusionen herstellen.
Überzogenes Einsparpotenzial
Auch die erwarteten Einsparungen müssten nach Auffassung des LAV neu berechnet werden. Die Finanzkommission Gesundheit hatte im Frühjahr ein mögliches Einsparvolumen von 200 bis 300 Millionen Euro jährlich angenommen. Seitdem seien aber mit dem Schiedsspruch zur Hilfstaxe die Abrechnungspreise zahlreicher Wirkstoffe abgesenkt worden. Nach Berechnungen des Verbandes der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker (VZA) sollten allein daraus ab dem 1. Oktober Einsparungen von mehr als 160 Millionen Euro jährlich entstehen. Hinzu kämen bereits bestehende Rabattverträge der Krankenkassen.
Ebenfalls kritisch sieht der Verband den engen Zeitplan des Gesetzgebungsverfahrens. Eine mündliche Anhörung zu den geplanten Änderungsanträgen soll bereits am 7. Oktober stattfinden. Der LAV fordert deshalb, die Folgen einer Wiedereinführung der Ausschreibungen für Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit zunächst umfassend zu prüfen. „Ein Instrument, das 2017 aus guten Gründen wieder abgeschafft wurde, sollte nicht unter Zeitdruck und auf Basis überholter Einsparannahmen erneut eingeführt werden“, so Zambo.
Der LAV hat Hildenbrand gebeten, die Auswirkungen fachlich prüfen zu lassen und die Position Baden-Württembergs in die Beratungen auf Bundesebene einzubringen.