Abrechnungsbetrug

KKH-Negativliste: Pfusch-Apotheker führt Silvia Meixner, 11.04.2018 14:00 Uhr

Berlin - Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) beklagt den bislang größten Schaden durch Betrug in ihrer Geschichte: Durch gepanschte Medikamente, gefälschte Rezepte und unrechtmäßig abgerechnete Leistungen entstand der Kasse im Jahr 2017 ein Schaden von 3,7 Millionen Euro. Das ist ein Negativrekord. Der mutmaßliche Pfusch-Apotheker Peter S. aus Bottrop, der derzeit vor Gericht steht, führt die „Top 5“ der Negativliste an.

Ein Ermittlerteam deckte bundesweit 270 Delikte auf, in 22 Fällen wurde Strafanzeige gestellt. „Nahezu alle Bereiche des Gesundheitswesens sind betroffen“, sagt Dina Michels, Chefermittlerin bei der KKH. Besonders deutlich habe der Betrug in der ambulanten Pflege zugenommen. Wie immer bei diesen Fällen ist die Dunkelziffer hoch, weshalb die KKH nun bundesweit eine stärkere Spezialisierung der Polizei mit Blick auf Korruption im Gesundheitswesen fordert.

Zu den Top 5 der neu aufgedeckten Fälle 2017 gehören ambulante Pflege (110 Fälle), gefolgt von Krankengymnasten und Physiotherapeuten (52 Fälle), Arzneimitteln (22 Fälle), Orthopädischen Hilfsmitteln und Sanitätshäusern (zehn Fälle) sowie Ergotherapie (neun Fälle).

Nach Schadenshöhe beziffert liegt Arzneimittelbetrug auf Platz 1. Betrüger ergaunerten hier 2017 insgesamt 2,3 Millionen Euro. Auf Platz 2 folgen die Krankengymnasten und Physiotherapeuten mit 504.000 Euro, auf Platz 3 ambulante Pflege (237.000 Euro), Platz 4 im Ranking belegen die Krankenhäuser mit 206.000 Euro. Im Bereich der orthopädischen Hilfsmittel und Sanitätshäuser liegt der Schaden bei 199.000 Euro.

Die unrühmliche Hitliste führt, was die aus KKH-Sicht Aufsehen erregendsten Fälle betrifft, ein Apotheker an. Durch den Vertrieb gepanschter Krebsmedikamente entstand der KKH ein Schaden von 1,5 Millionen Euro. Es handelt sich dabei um Peter S., der derzeit in Essen vor Gericht steht. Ihm wird vorgeworfen, bei Sterilrezepturen gepanscht zu haben, betroffen sind rund 1000 Menschen, die an Krebs erkrankt waren oder sind.

Immer wieder geraten Apotheker durch kriminelle Handlungen in die Medien, bei denen auch Krankenkassen zu den Geschädigten zählen. Derzeit steht in Darmstadt die ehemalige Besitzerin einer Offenbacher Apotheke vor Gericht. Sie soll zwischen Januar und November 2010 rund 250.00 Euro zu Unrecht bei Krankenkassen kassiert haben. Zum Teil stellte sie mit Hilfe gefälschter Rezepte bis zu 10.000 Euro teure Medikamente in Rechnung.

Sie kaufte die gefälschten Rezepte zu 5 bis 10 Prozent des tatsächlichen Rezeptwertes auf. Anschließend reichte sie diese über das Rechenzentrum bei diversen Krankenkassen ein. Derzeit wird vor Gericht geklärt, wie das kriminelle Netzwerk aufgebaut war. Bisher konnten vier Rezepteinrecher anhand ihrer Fingerabdrücke identifiziert werden.

Doch nicht nur Apotheker verursachten der KKH 2017 hohe Schäden, auch Pflegedienste und Kliniken stehen ganz oben in der unrühmlichen Liste. So landete ein Arbeitgeber mit dem Erschleichen von Leistungen mit Hilfe von Scheinarbeitsverträgen auf Platz 2. Der Schaden bei der KKH liegt bei fast 60.000 Euro.

Platz 3 belegt ein Klinikum, das die Leistungen eines Arztes für sich abrechnete, obwohl er sie ambulant in der eigenen Praxis behandelt hatte. Schaden: mehr als 39.000 Euro.

Die Brisanz der Zunahme der Betrugsfälle im Pflegedienst belegt ein Fall, bei dem ein deutscher Pflegedienst auf kriminelle Weise Kosten sparen wollte. Er setzte einen ausländischen Pflegedienst ein, dessen Mitarbeiter nicht ausreichend qualifiziert waren. Zudem berechnete der Pflegedienst Leistungen, die niemals erbracht worden waren. Der Schaden für die KKH beläuft sich auf 29.000 Euro. Auf Platz 5 landete ein Klinikum, das sechs gefälschte Verordnungen ausstellte und damit einen Schaden in der Höhe von 12.000 Euro verursachte.