„Interessenkonflikte“: Ärzte warnen vor ApoVWG 01.07.2026 14:19 Uhr
Wenn morgen das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) in Kraft tritt, dürfen Apotheken theoretisch ihr Angebot an zusätzlichen Leistungen deutlich erweitern. Ärzteverbände warnen aber erneut vor „gefährlichen Doppelstrukturen“ und „zwangsläufigen Interessenkonflikten“.
Ob venöse Blutabnahmen, Schnelltests, das Messen von Risiken für Herzerkrankungen oder Diabetes oder die Abgabe von Rx-Arzneimitteln ohne Rezept – den Ärzt:innen sind diese Punkte ein Dorn im Auge. „Das klingt nach pragmatischer Entlastung. Es ist das Gegenteil“, befindet die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB).
„Die Politik kürzt den Arztpraxen Milliarden und finanziert gleichzeitig den Apotheken neue Leistungen, für die sie nicht ausgebildet sind. Das ist keine Versorgungsreform. Das ist eine Versorgungsillusion“, so die KVBB-Vorstandsvorsitzende Catrin Steiniger.
„Apothekerinnen und Apotheker sind exzellente Pharmazeutinnen und Pharmazeuten – und unverzichtbar in der Arzneimittelversorgung. Doch ihre Ausbildung ist eine andere als die ärztliche. Beides hat seinen Platz. Die Grenze zwischen beiden Berufsfeldern willkürlich aufzuweichen, schafft keine bessere Versorgung, sondern neue Risiken.“
Leistungen „auf fachfremde Strukturen“ übertragen
Auch ihr Stellvertreter, Dr. Stefan Roßbach-Kurschat, sieht das genauso: „Wer glaubt, Ersteinschätzungen und Erstellen von Testergebnissen in Apotheken könnten die Primärarztversorgung ersetzen, hat deren Wesen nicht verstanden. Ärztliche Diagnostik und Therapie sind kein Baukastensystem. Man kann nicht einzelne Teile herauslösen und anderen Berufsgruppen übertragen, ohne die diagnostische Verantwortungskette zu beschädigen.“
Hier würden ärztliche Leistungen „auf fachfremde Strukturen“ übertragen; Mehrarbeit und mögliche Fehleinschätzungen seien die Folge. „Das Ergebnis ist absehbar: Patientinnen und Patienten werden mehrfach durch das System geschleust. Dadurch entsteht keine Entlastung, sondern Doppelarbeit mit weniger Zeit für die eigentliche Patientenversorgung.“
„Zwangsläufiger“ Interessenkonflikt
Auch der Hartmannbund Westfalen-Lippe warnt – stellt jedoch vor allem den „zwangsläufigen“ Interessenkonflikt in den Vordergrund, der entstehen könne, wenn Apotheker:innen selbst entscheiden, im Akutfall ein Rx-Medikament abzugeben. Man sehe die Kompetenzerweiterungen generell mit großer Sorge, auch hinsichtlich der Ausweitung diagnostischer und therapeutischer Leistungen.
„Eine gute medizinische Versorgung lebt von Kontinuität. Diagnostik, Therapie und langfristige Betreuung sollten möglichst innerhalb klar abgestimmter Versorgungsstrukturen erfolgen. Unser Ziel muss eine koordinierte Versorgung sein und nicht die Auflösung bewährter Verantwortlichkeiten“, betont der Landesvorsitzende Dr. Hendrik Oen.
„Wer Arzneimittel verkauft und gleichzeitig diagnostische oder therapeutische Entscheidungen trifft, gerät zwangsläufig in einen Interessenkonflikt. Medizinische Entscheidungen müssen ausschließlich dem Wohl der Patientinnen und Patienten verpflichtet sein“, so Oen.
„Es geht nicht um Konkurrenz“
Dabei seien die Apotheken unverzichtbarer Partner im Gesundheitswesen. „Es geht ausdrücklich nicht um Konkurrenz zwischen Ärzten und Apothekern. Beide Berufsgruppen erfüllen wichtige Aufgaben. Entscheidend ist jedoch, dass unterschiedliche Qualifikationen und Verantwortlichkeiten erhalten bleiben“, so Oen weiter.
„Es darf nicht zu einem Wettbewerb zwischen Berufsgruppen um wirtschaftlich attraktive Leistungen kommen. Unser gemeinsames Ziel muss eine bessere Patientenversorgung sein und nicht die Schaffung neuer Fehlanreize“, ergänzt Dr. Moritz Völker, Mitglied des Landesvorstandes.
Man setze auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe – mit der Voraussetzung, dass die jeweiligen Qualifikationen, Verantwortlichkeiten und bewährten Strukturen der Patientenversorgung gewahrt bleiben. Statt einer Erleichterung für die Patient:innen könnten die Inhalte des ApoVWG zu neuen Interessenkonflikten, Fehlanreizen oder einer Zersplitterung der Versorgung führen.