Impfen in Apotheken: „Kuchen ist groß genug für uns alle“ 15.09.2026 17:38 Uhr
Die neuen Impfbefugnisse seien ein richtiger Schritt, waren sich Dr. Stephan Pilsinger (CSU) und Abda-Vize Dr. Ina Lucas auf der Expopharm einig. Sorge, dass die Apothekerschaft den Ärzten dadurch etwas wegnehme, habe Pilsinger, selbst Hausarzt, dabei nicht.
Apotheken spielten beim Thema Impfen eine entscheidende Rolle, so Pilsinger. Der volkswirtschaftliche Nutzen könne enorm sein. „Ich glaube, der Kuchen ist groß genug für uns alle“, so Pilsinger. Er habe als Hausarzt jedenfalls nicht das Gefühl, dass ihm etwas weggenommen werde.
Impfen in der Apotheke sei ein Zusatzangebot, stellte Lucas klar. Die Menschen seien auf der Suche nach Pfaden, die für sie bequem sind. Dazu zähle auch ein Impfangebot außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten, am Wochenende und im Feierabend. Impfen sei die größte Präventionsleistung in Deutschland. „Wir müssen das immer wieder befeuern, und in den Apotheken ist immer jemand erreichbar“, so Lucas.
„Impflücken sind für alle da. Ich habe andere Menschen in der Apotheke als beim Hausarzt“, erklärte Lucas. Es kämen auch Menschen in die Apotheke, die gar keinen Hausarzt haben.
Weniger Arztkontakte
„Wir haben eine enorm hohe Zahl an Arztkontakten, aber gleichzeitig ist der Output nicht gut“, ergänzte Pilsinger. Es sei natürlich sinnvoll, die Arztkontaktzahlen zu reduzieren. Durch das geplante Primärversorgungssystem, in dem der Facharzt erst nach einem Hausarztbesuch aufgesucht werden soll, könnten zwischen 500 und 1000 Kontakte mehr beim Hausarzt zusammenkommen. Wenn die Apotheke nun sage: „Komm zur Impfung zu mir“, sei das eine Entlastung. „Wenn ihr ernsthaft wollt, dass wir mehr steuern, dann müssen wir auch ernsthaft überlegen, welche nichtärztlichen Berufe etwas übernehmen können“, betonte Pilsinger.
Selbstständige müssten doch die Treiber sein, nicht die Stopper. „Wer so ein schlechter Arzt ist, dass er sich vom Apotheker plattmachen lässt, der sollte aufhören“, so Pilsinger. Die Ärzte hätten genug zu tun. Man könne doch nicht sagen, es gebe einen Ärztemangel und zu wenig Nachfolger, aber sich dann über jede Impfung aufregen, die in der Apotheke gemacht wird.
Klarer Abgrenzungspunkt sei für Pilsinger die Diagnosestellung. Auch bei Harnwegsinfekten müsse der Arzt die Diagnose stellen; Diagnosestellung sei klar eine ärztliche Aufgabe.
Das sah auch Lucas so. „Wir haben schließlich nicht umsonst ein Hochschulstudium hinter uns“, erklärte sie. „Wir müssen miteinander arbeiten, das machen wir bisher noch zu wenig“, so Lucas. Auch für den Patienten müssen die Pfade klar verständlich sein. Es helfe nicht, wenn der Patient nicht wisse, wohin er soll, erklärte sie mit Blick auf das geplante Primärversorgungssystem.
Auch PTA sollen impfen
Ein entscheidender Fortschritt der Apothekenreform sei, dass nicht nur Apotheker, sondern auch PTA impfen dürfen, ergänzte Pilsinger. „Wir haben im Gesetz wirklich geschaut, dass es einfach wird.“ Auch die räumlichen Ansprüche seien soweit wie möglich heruntergeschraubt worden.
Er glaube, die Impfung sei erst der Anfang. Die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen müsste besser werden. So sollten Apotheker „Augen und Ohren“ des Arztes sein. So könnten Apotheker Blutwerte, Blutdruck und Blutzucker prüfen und Patienten dann, wenn es nötig ist, zum Hausarzt weiterverweisen.
Gebt den Apotheken Zeit!
Die Debatte ums Impfen laufe schon mehrere Jahre, so Lucas. Eine häufige Kritik sei, es machten zu wenig Apotheken mit, zu wenige Apotheken hätten entsprechende Zertifikate. Man müsse der Apothekerschaft allerdings ein wenig Zeit geben, um die Schulungen zu absolvieren und sich organisatorisch aufzustellen, so Lucas. „Ich glaube, da liegt es bei uns, dass wir die Kollegen in der Fläche zum Mitmachen motivieren – und dann fliegt das.“
„Man muss die Chance ergreifen, die sich bietet“, betonte Pilsinger. Wenn man die Patienten bei sich habe, müsse man gleich auch die Impfung anbieten. Dazu brauche es auch einen übersichtlichen digitalen Impfpass. „Hier brauchen wir mehr Turbo“, so Pilsinger.
Es müsse auch keiner Angst haben. Auch der Hausarzt würde im Worst Case nur reanimieren und den Notarzt rufen. „Ich setze auf den Markt und die Selbstständigkeit“, so Pilsinger.
Auch Lucas betonte, dass es mehr Digitalisierung brauche. „Wir brauchen eine deutlich bessere Ad-hoc-Beschreibung des Patienten“, erklärt sie. Bisher müssten die Fachkräfte viel Zeit darauf verwenden, den Patienten Fragen zu ihrem Zustand und den Befunden zu stellen. Hier müsse digital nachgesteuert werden.
Start im Frühjahr 2027
Lucas hoffe, dass es mit dem Impfen in der Apotheke im kommenden Frühjahr richtig losgehen könnte. Man sei noch im Diskurs, aber das Curriculum werde demnächst stehen, erklärte sie. Die Schulungen werden dann über die Kammern organisiert.