Kommentar

Immer Arztkontakt – so saniert man das Gesundheitssystem 03.07.2026 15:24 Uhr

Berlin - 

Statt wie eine brave Arbeitsbiene jeden Tag zur Arbeit zu gehen, lassen sich die faulen deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer viel zu oft einen Freischein von Dr. Holiday ausstellen. Ein Glück, dass es Bundeskanzler Friedrich Merz gibt, der den Faulenzern und Schmarotzern endlich etwas entgegensetzt! Also weg mit der telefonischen Krankschreibung – wer sich morgens nicht fit fühlt, rumschnieft, hustet oder Fieber hat, muss jetzt erst mal zum nächsten Hausarzt und sich das Kranksein ordnungsgemäß und vor Ort bestätigen lassen – glücklicherweise haben wir davon schließlich mehr als genug und auch genug Kohle im System, um das Plus an unnötigen Patient-Arzt-Kontakten zu decken. Ein Kommentar von Lilith Teusch.

In einem fetten Sparpaket will der Bund eigentlich die Beiträge stabil halten – und den eigenen Haushalt entlasten, aber das soll gerade ausnahmsweise nicht das Thema sein. Das viele Geld, das wir jährlich in das Gesundheitssystem stecken, reicht nicht aus, um die wachsenden Ausgaben zu decken; Einnahmen und Ausgaben müssen wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden. Ein Kostentreiber, auf den die Politik dabei gerne verweist, sind auch die viel zu vielen und oft unnötigen Arztkontakte pro Kopf.

Das ist grundsätzlich auch richtig. In einem Solidarsystem trägt auch jeder Einzelne Verantwortung. Das bedeutet eben auch, dass nicht jeder Schnupfen auf Kosten der Allgemeinheit in eine Praxis gehört. Manchmal reichen eben Bettruhe und Tee – auch ohne dass ein Arzt es verordnen muss.

Daher hatten die Gesundheitsministerin und viele andere Akteure im Gesundheitswesen auch mehrfach erklärt, die Gesundheitskompetenz fördern zu wollen. Das wenigstens ist Geld, das wir uns jetzt sparen können. Denn die Koalition will nicht nur die telefonische Krankschreibung beenden, sondern auch die Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ab Tag 1 einführen. Genial!

Statt also auf den Arzttermin, den man für seine Erkältung sicherlich nicht braucht, zu verzichten, sich ins Bett zu legen und Tee zu trinken, muss man sich künftig wider besseren Wissens zum Arzt aufmachen, sich dort in ein überfülltes Wartezimmer setzen, die mitgebrachten Viren vielleicht noch mit ein paar Mitmenschen teilen, und das alles nur, damit ein Arzt einem genau zu dem rät, was man gerne schon vor Antritt der Odyssee alleine getan hätte.

Auch mit Blick auf das geplante Primärversorgungssystem ist das Streichen der Telefon-AU und die Pflicht der Vorlage ab Tag 1 natürlich wahnsinnig nachhaltig. Während die Ministerin immer wieder betont, man müsse gerade mit Blick auf den sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel die Versorgung auf mehrere Schultern verteilen, will der Bund die knappen Ressourcen nun noch einmal etwas weiter belasten.

Für die meisten Menschen mag das Folgende bekannt sein, für die Parteispitzen ist es das offenbar nicht: Menschen werden nicht weniger krank, bloß weil Merz das so will. Sich krank zur Arbeit zu schleppen, macht einen nicht produktiver, ganz im Gegenteil: Die Folgen sind schlechtere Konzentration, mehr Fehler und eine deutlich längere Zeit, bis man wieder voll einsatzfähig ist.

Für die Rückschritte, die der Bund hier in puncto Digitalisierung und Eigenverantwortung macht, gibt es keine guten Argumente. Das Einzige, was mit dieser Regelung erreicht wird, sind volle Wartezimmer, längere Fehlzeiten und höhere Kosten. Der Bund konterkariert mit der Streichung genau das, was er mit seiner ohnehin umstrittenen Sparreform und dem geplanten Primärversorgungssystem eigentlich erreichen möchte.