Lieferengpässe

Huml: Hersteller zu europäischen Wirkstoffen verpflichten APOTHEKE ADHOC, 10.01.2020 17:28 Uhr

  • Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) will die Wirkstoffproduktion mit Zuckerbrot und Peitsche zurück nach Deutschland holen. Foto: Christof Stache
Berlin -

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) spricht sich dafür aus, Arzneimittelhersteller unter bestimmten Bedingungen zur Verwendung von Wirkstoffen zu verpflichten, die in der Europäischen Union hergestellt wurden. Sie reagierte damit auf die Forderung von ABDA-Präsident Friedemann Schmidt, die Wirkstoffproduktion zurück nach Europa zu holen.

„Ich werde meinen geplanten Besuch bei der neuen EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zu dem Hinweis nutzen, dass hier dringender Handlungsbedarf auch auf europäischer Ebene besteht“, kündigte Huml am Freitag an. Bereits 2018 habe sie das Thema mit dem damaligen Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, besprochen.

Für die nächste Brüsselreise hat Huml offenbar schon ein paar Ideen im Gepäck: „Zum Beispiel müssen wir auf Bundes- und EU-Ebene weiter darauf hinwirken, dass bei der Arzneimittelproduktion europäische Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden“, so die 44-Jährige. Das müsse auch gelten, wenn die Herstellung in einem Nicht-EU-Land erfolgt, um Wettbewerbsverzerrungen durch prekäre Rahmenbedingungen in Drittstaaten zu vermeiden. „Ferner müssen mögliche Maßnahmen geprüft werden, um Arzneimittelhersteller zu verpflichten, bei der Herstellung insbesondere von versorgungsrelevanten Arzneimitteln in der EU hergestellte Wirkstoffe zu verwenden.“

Außerdem müssten Lieferschwankungen bei wichtigen versorgungsrelevanten Arzneimitteln in Krankenhäusern künftig abgefedert werden. Das bayerische Gesundheitsministerium werde sich deshalb bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dafür einsetzen, dass die bisherigen Regelungen zur zweiwöchigen verpflichtenden Lagerhaltung ausgedehnt werden. Beim bayerischen Pharmagipfel in München habe sie sich bereits mit dem Thema befasst und sich mit Vertretern der pharmazeutischen Industrie darauf verständigt, vor allem den Standort in Bayern, aber auch in Deutschland und Europa bei der Wirkstoffproduktion zu stärken und zu fördern.

Am Freitag hatte sich ABDA-Präsident Friedemann Schmidt in der Debatte um Lieferengpässe für eine verstärkte Arzneimittelproduktion in Europa ausgesprochen. Arzneimittel sollten „auf längere Sicht“ wieder innerhalb der EU produziert werden, so Schmidt gegenüber der Passauer Neuen Presse.

„Die komplette Auslagerung der Pharmaproduktion nach Asien sollte rückgängig gemacht werden“, so Schmidt weiter. Dadurch würden sich zwar die Preise erhöhen, doch es sei für die Versorgungssicherheit notwendig. Die ABDA fordert schon länger mehr Anreize für eine stärkere Wirkstoffproduktion in Europa. Nach früheren ABDA-Angaben des Apothekerverbandes hat sich die Zahl der nicht verfügbaren Rabattarzneien fast verdoppelt: Von 4,7 Millionen Packungen 2017 auf 9,3 Millionen im Jahr 2018. Jedes 50. dieser Mittel sei von Lieferengpässen betroffen – also mehr als zwei Wochen nicht verfügbar oder deutlich stärker nachgefragt als angeboten.

Schon im Oktober hatte sich Schmidt in der MRD-Sendung „Hauptsache gesund“ zum Thema Lieferengpässe von Arzneimitteln geäußert. Sein Fazit: „In den Apotheken ist es so schlimm, wie es seit 30 Jahren nicht mehr gewesen ist.“ Für die Patienten seien die Engpässe „zunehmend auch gefährlich“. Dem ABDA-Präsidenten zufolge handelt es sich um ein „Marktversagen“.