Ministerien machen Druck

Hitzeschutz: SPD-Papier für Kabinettsklausur 17.08.2026 08:42 Uhr

Berlin - 

Die SPD macht in der schwarz-roten Koalition Druck für bessere Vorkehrungen zum Schutz vor Hitze, Niedrigwasser und weiteren Folgen des Klimawandels. Für eine wirksame Anpassung an die Klimakrise brauche es „eine gesamtstaatliche Kraftanstrengung, die Prioritäten setzt, Ressourcen bündelt, Abstimmungen intensiviert und schnelles Handeln ermöglicht“, heißt es in einem Papier von SPD-geführten Bundesministerien, über das zunächst der „Spiegel“ berichtete. Noch in dieser Wahlperiode solle dafür auch eine Grundgesetzänderung auf den Weg gebracht werden.

Damit solle die Einführung einer neuen Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung und Naturschutz vorangetrieben werden, heißt es in dem vorbereitenden Papier für die Kabinettsklausur Ende August, das auch der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Sie sei Voraussetzung dafür, dass der Bund sich an der Finanzierung von Kommunal- und Länderaufgaben beteiligen und langfristig, rechtssicher und flächendeckend bei Klimaanpassung und Naturschutzes mitwirken könne.

Hitzeschutz in Kliniken

Das betreffe etwa den Hitze- und Gesundheitsschutz in sozialen Einrichtungen, die Entsiegelung von Flächen, mehr Stadtgrün, eine klimaresiliente Wasser- und Abwasserentsorgung und eine bessere Förderung des Hochwasserschutzes. Bis zur Einrichtung einer Gemeinschaftsaufgabe solle ein Sofortprogramm die Förderung von Klimaanpassung und Hitzeschutz verbessern, heißt es in dem SPD-Papier – unter anderem für Pflegeheime, Kitas und Krankenhäuser.

Die SPD-Ministerien schlagen außerdem einen nationalen Hitzeaktionsplan zum Schutz der Gesundheit vor. Hitzeperioden haben deutschlandweit in diesem Jahr nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) schon zu rund 12.500 Sterbefällen geführt – deutlich mehr als sonst in ganzen Jahren.

Im Blick der Ministerien steht auch Unterstützung für Beschäftigte bei Hitze. „Im Fall von hitzebedingten Arbeitsausfällen sind tarifvertragliche Vereinbarungen für ein Ausfallgeld gute Lösungsansätze, um Verdienstausfälle zu kompensieren“, heißt es in dem Papier. Müssten Produktionsprozesse infolge von Störungen der Lieferketten unterbrochen werden, komme grundsätzlich konjunkturelles Kurzarbeitergeld in Betracht.

CDU skeptisch

Einen Vorstoß für eine Grundgesetzänderung hatte bereits Umweltminister Carsten Schneider (SPD) angekündigt, was bei der Union aber auf Skepsis stieß. Im Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD vereinbart, die Einführung einer Gemeinschaftsaufgabe in diesem Bereich zu prüfen. Für eine Grundgesetzänderung wäre eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag nötig, die die Koalition auch mit den Stimmen der Grünen noch nicht erreichen würde.

Deutschland hat sich im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits um 2,5 Grad erwärmt – das ist mehr als der weltweite Durchschnitt. Die Erwärmung führt laut Deutschem Wetterdienst unter anderem zu häufigeren Hitzewellen und Dürrephasen, was Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung gefährdet und die Waldbrandgefahr steigen lässt.

Länder fordern Zuschuss

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fordert bereits eine Beteiligung des Bundes. Sie unterstütze den Vorschlag, den Hitzeschutz als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz aufzunehmen, erklärte Schwesig. „Dann wäre es möglich, dass der Bund die Unterstützung für Länder und Gemeinden bei Klimaanpassung, Hitze- und Klimaschutz verstärken kann.“

Dieser Sommer habe gezeigt, dass mehr getan werden müsse, um insbesondere ältere Menschen zu schützen. „Auch mit Blick auf die Wirtschaft ist Klimaanpassung eine Aufgabe, die gemeinschaftlich von Bund und Ländern angegangen werden muss“, meinte Schwesig. Umweltminister Till Backhaus (SPD) setze sich seit längerer Zeit dafür ein, dies als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz aufzunehmen.

Zahlen zu niedrig

Der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Professor Dr. Uwe Janssens, hält die RKI-Schätzung von rund 12.500 hitzebedingten Todesfällen in diesem Sommer für zu niedrig. „Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr“, sagte der Intensivmediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Viele Fälle würden nicht als hitzebedingt erfasst, weil auf Totenscheinen etwa Organversagen stehe. Er gehe deshalb davon aus, dass die Zahlen des Robert Koch-Instituts „nicht die gesamte Dramatik abbilden“. Besonders gefährdet seien alleinlebende ältere Menschen mit Vorerkrankungen.

„Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen“, sagte Janssens. Er fordert einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan und mehr Geld für den Hitzeschutz in Kliniken. Zudem brauche es mehr Nachbarschaftshilfe, psychosoziale Unterstützung und Netzwerke, um gefährdete Menschen bei Hitzewellen frühzeitig zu erreichen. In Frankreich etwa kontaktierten Kommunen registrierte vulnerable Personen aktiv. In Deutschland hingegen „sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung“, so Janssens.