Gegen Honorarkürzungen: Psychotherapeuten demonstrieren 16.04.2026 12:39 Uhr
Gestern sind Hunderte Psychotherapeut:innen gegen Honorarkürzungen auf die Straße gegangen. Hintergrund ist eine Honorarabsenkung zum 1. April um 4,5 Prozent, die der sogenannte Erweiterte Bewertungsausschuss beschlossen hatte. Auf Schildern waren Sprüche zu lesen wie „Seelische Gesundheit ist kein Sparprojekt“ oder „Psychotherapie rettet Leben“. „Krieg und Krisen wie noch nie, unsere Welt braucht Therapie“, riefen die Demonstranten beispielsweise auf dem Hamburger Rathausmarkt, wo laut Polizei 400 Menschen an der Versammlung teilnahmen. Bundesweit gab es weitere Aktionen. In Berlin beteiligten sich sogar 4000 Demonstranten.
Das Aktionsbündnis Psychotherapie fordert, dass die Kürzungen zur psychotherapeutischen Vergütung zurückgenommen werden. Dem Erweiterten Bewertungsausschuss gehören Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (GKV) sowie unparteiische Mitglieder an.
„Kürzung ist fatales Signal“
Die KBV, die neben den Kassenärzt:innen auch die Psychotherapeut:innen vertritt, stimmte nach eigenen Angaben gegen die Honorarsenkung. Der GKV-Spitzenverband hatte von einem Kompromiss gesprochen, der die Interessen von Psychotherapeut:innen und Versicherten angemessen berücksichtige.
Die Psychotherapeutenkammer Hamburg hatte die Kürzung kritisiert: „Angesichts der angespannten Versorgungssituation ist sie ein fatales Signal und steht im klaren Widerspruch zu den politischen Zielen, den Fokus in der Gesundheitsversorgung auf den ambulanten Versorgungsbereich zu legen.“
Ein breites Bündnis von psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden hatte zur Demo in Berlin aufgerufen, die vom Bundestag bis zur Zentrale des GKV-Spitzenverbands führte. Eines der Argumente der Psychotherapeut:innen: „Angesichts ‚klammer‘ Kassen der GKV rechnet sich Psychotherapie: Jeder hier investierte Euro spart gesamtgesellschaftlich 2 bis 4 Euro ein. Zugleich macht Psychotherapie nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten innerhalb der GKV-Versorgung aus, und die Fachgruppe der Psychotherapeut:innen bildet bei den Vergütungen das Schlusslicht“, heißt es vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Daher sei es umso unverständlicher, hier nun den Rotstift anzusetzen.
„Die von der Finanzkommission angepeilte Kostenersparnis zur Stabilisierung der GKV-Versorgung ist zu kurz gedacht. Schaut man genauer hin, führen die Einsparungen bei psychotherapeutischen Leistungen mittelfristig zu deutlich mehr Kosten. Sie erfolgen auf Kosten Betroffener sowie Angehöriger und durch die entstehenden Folgekosten dann zu Lasten der gesamten Gesellschaft sowie des Wirtschaftsstandorts Deutschland“, so Dr. Johanna Thünker, Vorsitzende des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Therapeuten (VPP im BDP).
„An der Psychotherapeutischen Versorgung zu sparen, ist ein unverantwortlicher Angriff auf eine funktionierende ambulante Versorgungsstruktur und ein Fehlgriff in Bezug auf die psychische Gesundheit GKV-Versicherter“, sagte Dr. Enno Maaß, Bundesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV). „Wer an bei Psychotherapie spart, spart an der Stabilität dieser Gesellschaft. Denn psychische Gesundheit ist gesellschaftliche Infrastruktur“, so DPtV-Bundesvorsitzende Dr. Christina Jochim.
An den GKV-Spitzenverband gewandt führt der BDP „eine Reihe harter Fakten, die ganz klar für eine Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung und nicht für ein Zusammenstreichen sprechen“. Ein entsprechendes Faktenblatt wurde überreicht und weiterhin Unterstützung bei der Weiterentwicklung angeboten.
Kassen fordern „sachliche Debatte“
Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) wünscht sich eine Rückkehr zur „sachlichen Debatte“: „Die Fokussierung auf die Honorarkürzungen ist aus unserer Sicht nicht sachgerecht und blendet die Gründe für die aktuellen Versorgungsprobleme in der psychotherapeutischen Versorgung, aber auch die akuten Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) völlig aus. Auch die Psychotherapeutinnen und -therapeuten müssen ihren Beitrag zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung leisten, indem die bestehenden Ressourcen besser genutzt und die Versorgung stärker am Bedarf ausgerichtet werden. Insbesondere die Versorgung schwer behandlungsbedürftiger Menschen muss im Mittelpunkt stehen.“
Die psychotherapeutischen Versorgungsstrukturen in Deutschland zählten weltweit zu den besten: Von 2013 bis 2024 stieg die Zahl der hier Tätigen über 50 Prozent. Nur bei den Hausärzt:innen sei die Dichte noch höher, die GKV-Ausgaben für psychotherapeutische Leistungen seien in der Zeit von 1,59 auf 3,57 Milliarden Euro gestiegen. Auch die Honorare seien in dieser Berufsgruppe erheblich stärker gestiegen als die anderer Arztgruppen, so Elsner weiter. Bestehende Ressourcen müssten besser eingesetzt werden, um lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu vermeiden, beispielsweise soll die Gruppentherapie gestärkt werden. „Hier gibt es noch erhebliche Potenziale“, so Elsner. „Weitere Maßnahmen sind der Ausbau von Terminvermittlungsplattformen, höhere Sitzungsfrequenzen (mindestens alle 14 Tage), eine bessere Integration digitaler und hybrider Interventionen (etwa durch Videobehandlung und evidenzbasierte Online-Interventionen) und die Erhöhung der Behandlungskapazitäten durch eine Anpassung der Stundenkontingente orientiert an denen der Verhaltenstherapie.“
Philippi zeigt sich solidarisch
Der Niedersächsische Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi appellierte an das Bundesgesundheitsministerium (BMG), den Beschluss der Selbstverwaltung zu beanstanden und zu überprüfen. „Die Senkung der Honorare um 4,5 Prozent bei den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten halte ich für eine absolute Fehlentscheidung. Es ist ein fatales Signal mit schweren Folgen für das gesamte Gesundheitswesen. Der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung steigt seit Jahren signifikant. Viele Patientinnen und Patienten warten schon heute viele Monate auf einen Therapieplatz. Die Honorarkürzungen gefährden die Arbeit der psychotherapeutischen Praxen, aber vor allem die psychische Versorgung der Bevölkerung. Und: Von den geplanten Kürzungen wären vor allem die gesetzlich Versicherten betroffen.“
Philippi wies zudem auf ein weiteres Problem hin: „Hinzu kommt: Zwei Drittel der Patienten sind weiblich. Wir können es uns nicht leisten, dass Frauen, die durch Mehrfachbelastungen in Familie, Beruf und Pflege oft am Limit ihrer psychischen Kräfte sind, die Leidtragenden der Kürzungen sind.“ Er erwarte, dass der Bund zeitnah reagiert und einer Honorarkürzung eine klare Absage erteilt. „Das wäre das richtige Signal in einer Zeit, in der es eine verlässliche psychotherapeutische Versorgung dringender denn je braucht und würde den in der Psychotherapie Beschäftigten und damit letztlich auch den Patientinnen und Patienten die notwendige Planungssicherheit geben.“