EU will heimische Pharmaproduktion stärken 12.05.2026 07:16 Uhr
Im Kampf gegen Engpässe bei lebenswichtigen Medikamenten in der EU haben sich Unterhändler in Brüssel auf Regeln im Rahmen des Critical Medicines Act (CMA) geeinigt, um die Produktion von Arzneimitteln leichter mit öffentlichen Geldern unterstützen zu können. Das teilten die Vertreter des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten mit. Europa soll dadurch weniger abhängig von einzelnen Lieferanten und der Herstellung außerhalb des Kontinents werden.
Dafür sollen mehr kritische Arzneimittel in der EU hergestellt werden. Europa soll dadurch weniger abhängig von einzelnen Lieferanten und der Herstellung außerhalb des Kontinents werden.
Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Arzneimittelengpässen, etwa bei Schmerz- und Diabetesmitteln oder Antibiotika. Im Januar gab das Bundesgesundheitsministerium (BMG) einen Versorgungsmangel bei bestimmten Antibiotika bekannt, wodurch befristet ein leichteres Ausweichen auf Importe möglich ist.
2022 waren Paracetamol-Fiebersäfte für Kinder knapp. Danach lockerte die Politik bereits Preisregeln für Kinderarzneien und schrieb größere Vorräte vor. Zumindest bei Kinderarzneimitteln sank die Zahl der Engpässe daraufhin laut einer im Dezember veröffentlichten Auswertung des Pharmaverbands Pro Generika.
Von Asien abhängig
Ein Problem ist grundsätzlich: Viele Wirkstoffe, die für Europa bestimmt sind, werden im kostengünstigeren Asien produziert, vor allem in China und Indien. Fertigungsprobleme, Verunreinigungen oder Probleme bei der Lieferung wie etwa in der Corona-Pandemie können so auch die Versorgung in Europa treffen.
Um die Herstellung in Europa zu stärken, soll nun unter anderem bei der Vergabe öffentlicher Aufträge angesetzt werden. Unterhändler des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten einigten sich in der Nacht auf Dienstag darauf, was sich ändern soll. Im Fall von wichtigen Arzneimitteln, bei denen es eine hohe Abhängigkeit von einem oder wenigen Ländern gibt, sollen bei öffentlichen Aufträgen künftig grundsätzlich in Europa hergestellte Medikamente bevorzugt werden. So sollen Anreize für sichere Lieferketten geschaffen werden.
Die vorläufige Einigung sieht vor, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, diese Medikamente zu bevorzugen. „Dazu gehört, dass Lieferanten proportional zu dem Anteil der in der EU hergestellten Arzneimittel und deren pharmazeutischer Wirkstoffe vergütet werden“, teilte das Parlament mit. Im Arzneimittelsektor in der EU sind laut Kommission rund 800.000 Menschen beschäftigt.
Wichtige Medikamente zusammen beschaffen
Sogenannte strategische Projekte sollen zudem schneller genehmigt werden und leichter Zugang zu Förderung bekommen. Mehrere Länder können sich zudem zusammenschließen und gemeinsam wichtige Medikamente beschaffen. Das betrifft unter anderem Arzneimittel für seltene Erkrankungen, bei denen sonst laut Kommission der Markt versagt.
Mit kritischen Arzneimitteln sind laut EU-Kommission Medikamente gemeint, „bei denen es nur wenige oder gar keine Alternativen gibt und bei denen die Patientinnen und Patienten durch Versorgungsengpässe ernsthaft geschädigt würden“. Dazu gehören demnach unter anderem Antibiotika und Antithrombotika, Krebstherapeutika und Herz-Kreislauf-Mittel. Sie sind in einer Liste aufgeführt.
Eine verpflichtende Umverteilung kritischer Arzneimittel zwischen Mitgliedstaaten soll anders als zwischenzeitlich diskutiert nicht eingeführt werden. Die Länder können dies aber freiwillig tun. Sie wollen zudem Informationen über Notfallbestände austauschen. Nach Angaben des Parlaments gibt es große Unterschiede, welche Arzneimittel in den einzelnen EU-Staaten verfügbar sind.
Bevor die Regeln in Kraft treten können, müssen sie noch vom Europaparlament und den EU-Staaten bestätigt werden. Normalerweise gilt das als Formsache, wenn sich die Unterhändler der Institutionen zuvor auf einen Kompromiss geeinigt haben.
„Ein echter Paradigmenwechsel“
CDU-Gesundheitspolitiker Dr. Peter Liese, Mitglied im Gesundheitsausschuss für die größte Fraktion im Europäischen Parlament (EVP-Christdemokraten), nannte die Einigung einen extrem wichtigen Schritt „für die Lösung eines extrem großen Problems“. „Viele Patientinnen und Patienten leiden darunter, dass das für sie vorgesehene Medikament nicht lieferbar ist. Medizinisches Personal verbringt unzählige Stunden damit, Ersatz zu beschaffen“, teilte der Arzt mit. Jetzt komme „ein echter Paradigmenwechsel“.
„Zu oft hören Menschen in der Apotheke oder im Krankenhaus den Satz: ‚Dieses Medikament ist derzeit nicht verfügbar.‘ Das betrifft inzwischen Antibiotika, Krebsmedikamente, Schmerzmittel oder Fiebersäfte für Kinder. Die Corona-Pandemie und die geopolitischen Krisen haben deutlich gemacht, wie abhängig Europa bei vielen lebenswichtigen Arzneimitteln von wenigen Produktionsstandorten in China und Indien geworden ist. Das können und dürfen wir uns auf Dauer nicht leisten“, betonte Liese.
„Die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten wird Zeit brauchen. Aber mit dem Critical Medicines Act bekämpfen wir endlich die strukturellen Ursachen der Arzneimittelknappheit und nicht nur die Symptome“, so der Europaabgeordnete und Arzt.
Ersatz zu suchen, kostet Zeit
Auch in Apotheken ist der Aufwand nach Abda-Angaben groß: „Das Management von Lieferengpässen verursacht einen Zeitaufwand für das Apothekenpersonal, der in Deutschland pro Apotheke im Durchschnitt bei mehr als 20 Stunden in der Woche liegt“, teilte Mathias Arnold mit, der als Leiter der Abda Europadelegation fungiert, mit.
Tiemo Wölken, gesundheitspolitischer Sprecher der Europa-SPD, begrüßte unter anderem, dass die EU Risiken künftig früher erkennen und koordinierter handeln könne, um Engpässe zu verhindern.
Patienten in Europa sollen sich keine Sorgen darüber machen müssen, ob wichtige Arzneimittel in ihrer Apotheke oder ihrem Krankenhaus verfügbar sind, teilte der zyprische Gesundheitsminister, Neophytos Charalambides, mit. Sein Land hat derzeit die rotierende EU-Ratspräsidentschaft inne und organisierte deshalb wichtige Beratungen zum Thema.