ApoRetro – Der satirische Wochenrückblick

Die geheimen Boni der Kassen 22.08.2026 07:59 Uhr

Berlin - 

Wie gut, dass die Kassen im Wettbewerb stehen. Das sorgt für Qualität und Wirtschaftlichkeit – und auch für das eine oder andere geheime Lockvogelangebot an lukrative Versicherte.

Wettbewerb ist der Motor der Wirtschaft, das weiß heutzutage jedes Kind. Auch die Krankenkassen sind stolz darauf, dass es ihrer noch mehr als 90 gibt. Kluge Ratschläge, aus rein pekuniären Gründen den Rotstift anzusetzen, weil die Leistungen ohnehin identisch seien, weisen die Vertreter der Zunft jedes Mal wie aus der Pistole geschossen zurück. Bislang werden die Pfründe erfolgreich verteidigt. Nur dass mit dem Spargesetz die Werbeausgaben gedeckelt wurden, konnte man nicht verhindern.

Kassen suchen neue Werbemöglichkeiten

Die Maßnahme kommt für die Kassen äußerst ungelegen. Wie soll man neue Mitglieder gewinnen, wenn man nicht mehr unbegrenzt Geld in großformatige Plakate mit flotten Sprüchen oder das Sponsoring von Großevents investieren kann? Gerade die Akquise guter Risiken – pardon: junger und gesunder Mitglieder der Sozialgemeinschaft – wird zunehmend schwieriger. Zum einen liegt die Zahl der Menschen an der Grenze zur allgemeinen Krankenversicherungspflicht ohnehauf einem historischen Tiefstand. Zum anderen hat die Generation Z, die schon im Kindergarten einen Tiktok-Account hatte und in der Grundschule ihr Taschengeld in Bitcoins investierte, längst begriffen, dass mit ehrlicher Arbeit heutzutage kein Auskommen mehr zu machen ist. Deshalb sind auch Themen wie gesetzliche Rente oder Sozialversicherung für sie maximal uninteressant.

Wie also diese feinfühlige Klientel am besten ansprechen? Mit Bonusheften und Rückenkursen lassen sich die jungen Leute schon längst nicht mehr locken. Viel zu sehr 90er. Eher noch ein Gutschein fürs Sportstudio, aber das lieber auch nicht weil Unfallrisiko. Fitnesstracking kommt ohnehin nicht in Frage: Wer will schon seine Daten mit jemandem anderen als Apple und Meta teilen.

Und dann ist es ja auch so, dass die Bonus- und Satzungsleistungen im Grunde mittlerweile vollkommen identisch sind. Homöopathie ist raus, genauso wie Cannabisblüten. Schade eigentlich im Nachhinein, hätte den einen oder anderen potenziellen Newbie ja noch überzeugen können.

Boni, Boni, Boni

Doch die BKK Pfiffikus hat sich etwas einfallen lassen: „Komm zu uns und Du bekommst 500 Euro!“, heißt es auf Anzeigen auf Social Media. Ach das ist nicht erlaubt? Dann das hier: „Komm zu uns und Du bekommst eine rückwirkende Bonusvorauszahlung von 500 Euro!“

Da auch das allzu offensichtlich ist, gibt es ein förmliches Beratungsgespräch mit dem Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) als Aufsicht. Jawohl, bei den Kassen gilt die Devise: Verstöße erst besprechen, dann bestrafen.

Aber die BKK Pfiffikus trüge den falschen Namen, wenn sie sich nicht etwas einfallen ließe: Kurzerhand verlegt die Kasse ihren Sitz aus dem Schwäbischen in die Niederlande. Hier ist man schließlich sicher vor den Widrigkeiten des deutschen Rechtsstaats.

Shop Apotheke alsl Exklusivpartner

Von nun an regnet es rote Rosen für die Kassenpatienten. Und das ganze Versicherungsmodell steht plötzlich Kopf. Die Verträge sind monatlich kündbar, Arzttermine gibt es nur noch als Videosprechstunde über die App. Alle Zuzahlungen sind gestrichen, die übernehmen Shop Apotheke und DocMorris als Exklusivpartner auch für alle anderen Behandlungen. Besonders attraktiv: Pro Tag, an dem keine Leistung in Anspruch genommen wird, gehen 2 Euro direkt auf das Konto der Versicherten. Bei Chronikern und Patienten mit intensivem Betreuungsbedarf zahlt die Kasse sogar das Doppelte.

Millionenfach wechseln Versicherte, die TK verliert ihren Status als Markt- und Innovationsführer. Und während das Gesundheitsministerium noch prüft, ob das Versicherungsmodell mit dem SGB V vereinbar ist, hat die BKK Pfiffikus bereits die Fusionsverhandlungen mit der Barmer aufgenommen. Name der neuen Super-Kasse: „Pfiffikus XL – Jetzt mit 10 Prozent Cashback.“