Kommentar

Den Kassen geht es doch gut! 15.01.2026 15:24 Uhr

Berlin - 

Es ist Mitte Januar, die Standesvertretungen sowie einige Kammern legen die Schließungszahlen des vergangenen Jahres vor. Wenig überraschend setzt sich der Trend klar fort: Es geht weiter nach unten – in jedem Bundesland. Unlängst haben Kammern und auch der eine oder andere Politiker ihre Sorge ausgedrückt. Zum Glück gibt es aber noch eine Organisation, die der ganzen Panikmache etwas entgegensetzt: GKV-Sprecher Florian Lanz gibt Entwarnung. „Bei genauer Betrachtung ist die wirtschaftliche Situation der Apothekeneigentümer insgesamt ziemlich gut.“ Ein Kommentar von Lilith Teusch.

Eine Honorarerhöhung bei den Apotheken ist nach Lanz’ Meinung auch deshalb nicht gerechtfertigt, weil die Vergütung mit dem Medikamentenpreis zusammenhängt. „Da ein Teil der Apothekenvergütung an den Medikamentenpreisen hängt, steigt auch die Vergütung der Apotheken laufend an.“

Jetzt könnte man dem Kassensprecher natürlich einiges an Fakten entgegenstellen. Zum Beispiel wären da die offensichtlichen und statistisch klar nachverfolgbaren Steigerungen der Kosten für Strom, Personal und vielerorts Miete. Man könnte sogar so weit gehen zu erklären, dass es in der Regel nicht die gut laufenden großen Apotheken in bester Lage sind, die als Erste schließen, sondern die am anderen Ende der Skala.

Man könnte auch sagen, dass ein kurzfristiges Umsatzwachstum durch die Kannibalisierung im langen Trend kein einziges strukturelles Problem löst. Oder darauf hinweisen, dass die Vor-Ort-Apotheken sich eben auch durch eine gewisse Nähe zur Bevölkerung auszeichnen – was nebenbei auch sinnvoll ist, um so „nebensächliche“ rechtliche Verpflichtungen wie den Nacht- und Notdienst sicherzustellen.

Man könnte ihn darüber hinaus auch auf das wirtschaftliche Risiko hinweisen, das Inhaber:innen auf sich nehmen, weil sie schließlich in Vorkasse gehen müssen. Aber das sind alles Argumente, die nicht neu sind und die dem GKV-Spitzenverband wohl auch schon zur Genüge vorgebetet wurden.

3,6 Milliarden Plus bei den Kassen

Also bleiben wir doch für einen Moment bei seiner Argumentation – und wenden dieselben Argumente auf die Kassen an. Die ziehen ihre Beiträge prozentual vom Lohn der Beitragszahlenden ein. Da das Lohnniveau seit Jahren steigt, steigen auch die Einnahmen der Kassen – Jahr für Jahr. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, lagen die Nominallöhne allein im dritten Quartal 2025 um ganze 4,9 Prozent höher als im Vorjahresquartal.

Kein Wunder also, dass es bei den Kassen im Hinblick auf die Gewinne ganz schön rosig aussieht: Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres haben die 94 Krankenkassen einen Überschuss von stolzen 3,6 Milliarden Euro erzielt.

Was also soll das ganze Gejammer, den Kassen würde es finanziell so schlecht gehen? Es geht ihnen doch offensichtlich gut! Dass die Kassen jetzt trotzdem den Zusatzbeitrag erhöhen mussten, kann wohl – jedenfalls wenn man die Logik des Sprechers anwendet – nur einer groben Misswirtschaft geschuldet sein, oder?

Abschließend möchte ich noch auf ein anderes Argument des Sprechers blicken: „Trotz der Konkurrenz durch die Versandapotheken arbeiten so viele Menschen wie noch nie in den Apotheken“, so der GKV-Sprecher weiter. Die Zahl der Beschäftigten sei von 139.000 im Jahr 2005 auf 162.000 im Jahr 2024 gestiegen. Die Versorgung sei „nicht weniger geworden, sondern hat sich auf weniger Standorte konzentriert“, so sein Fazit.

Es mag für viele Branchen, möglicherweise auch für die GKV, irrelevant sein, ob sie in jedem Dörfchen eine Geschäftsstelle hat. Bei den Gesundheitsberufen sieht das allerdings anders aus. Wenn in einer Region keine Apotheke und keine Arztpraxis mehr vorhanden sind, dann spüren die Menschen, die dort leben, das sehr schnell und sehr real. Man kann möglicherweise noch argumentieren, dass man für gewisse Facharztbesuche eine längere Anfahrtszeit in Kauf nimmt. Spätestens wenn es um eine Notsituation geht, wird es irgendwann eng.

Und für einen immobilen Patienten oder eine junge Mutter mit einem abends fiebernden Kleinkind ist die Argumentation, dass in der viele Kilometer weit entfernten Stadt eine große, personell gut besetzte Apotheke liegt, reichlich egal.

Also, lieber Herr Lanz und lieber GKV-Spitzenverband: Statt die berechtigten Sorgen der Leistungserbringer zu relativieren und unreflektiert Zahlen aus dem Kontext zu reißen, fassen Sie sich bitte mal an die eigene Nase, zumal die Verwaltungsausgaben der GKV mit rund 4 Prozent einen deutlich größeren Anteil an den GKV-Ausgaben ausmachen, als die Apotheken, die bei rund 2 Prozent liegen. Für die flächendeckende Versorgung – für die Betreuung, für die Beratung, für die Hilfe im Notfall – dafür brauchen wir zwar bei Weitem keine 94 Kassen, aber sicherlich ein stabiles Netz aus Apotheken vor Ort.