BPI: 10-Punkte-Plan für Krisenzeiten 04.03.2026 14:11 Uhr
Die militärische Eskalation im Nahen Osten kann zu einer weiteren Gefahr für die Arzneimittelversorgung Europas werden, warnt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). „Wir sind in der Arzneimittelversorgung abhängig von Asien, insbesondere von China. Die Sicherheit der Seewege ist deshalb einer der neuralgischen Punkte, um diese Versorgung zu gewährleisten“, erklärt BPI-Hauptgeschäftsführer Dr. Kai Joachimsen. Der BPI hat einen Zehn-Punkte-Plan erarbeitet und legt mit seiner Sicherheitsstrategie dar, wie die Arzneimittelversorgung resilienter werden kann. „Wir brauchen mehr Versorgungssouveränität – dringend!“, so Joachimsen.
Aufgrund der Eskalation im Nahen Osten ist die Straße vom Hormus blockiert. Sie die einzige Verbindung zwischen dem Persischen Golf und dem offenen Meer. Schiffe stecken fest, Preise für Öl und Fracht sind gestiegen. „Jede politische Krise entlang der Handelsroute zwischen Asien und Europa ist ein Risikofaktor. Die aktuelle Eskalation erhöht das generelle Sicherheitsrisiko dramatisch“, macht Joachimsen deutlich. „Deutschland und Europa sind in der Arzneimittelversorgung auf solche Krisen nicht ausreichend vorbereitet. Wir sind verwundbar!“
Die Seehandelsroute Asien-Europa werde von den Reedereien aufgrund der aktuellen Ereignisse auf der Teilstrecke durch das Rote Meer als hochriskant eingestuft und von einigen Gesellschaften bereits nicht mehr befahren. Eine alternative Route um das Kap der Guten Hoffnung dauert nach Angaben der Schifffahrtsgesellschaften zehn bis 14 Tage länger und ist wesentlich teurer.
„Gesundheitspolitik ist Standortpolitik ist Sicherheitspolitik! Konkret heißt das: Keine zusätzlichen Belastungen für die Unternehmen der pharmazeutischen Industrie, sondern Entlastungen, damit mehr Kapazitäten für Entwicklung und Produktion in Deutschland und Europa geschaffen werden können“, so Joachimsen.
Der BPI hat eine Sicherheitsstrategie, die auch einen Zehn-Punkte-Plan enthält, dessen Ziel es ist, dass das Gesundheitssystem auch in globalen Stör- und Krisenlagen handlungsfähig bleibt, seine Bevölkerung zuverlässig versorgt und als Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur eigenständig agieren kann.
- Industriepolitik
Gesundheits- und Industriepolitik müssen gemeinsam gedacht werden. Der Aufbau und Erhalt pharmazeutischer Produktions-, Forschungs- und Innovationskapazitäten sind Teil der nationalen Sicherheitsvorsorge. Arzneimittelproduktion gehört zur kritischen Infrastruktur und ihre Bedeutung muss sich in der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik widerspiegeln. - wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen
Erforderlich sind: eine Neuregelung des Preismoratoriums, die Reform von Rabattverträgen, insbesondere zwingende Mehrfachvergabe, Standortkriterien und eine Vergabe entsprechend des 4-3-2-1-Modell des BPI, Verzicht auf Rabattverträge bei versorgungskritischen Arzneimitteln, wettbewerbsfähige Energiekosten und Unternehmenssteuern, konsequenter Bürokratierückbau in allen Wirtschaftsbereichen und politische Verlässlichkeit und Planungssicherheit - Pharma als Leit- und Zukunftsindustrie absichern
Eine stabile Pharmaindustrie stärkt Wohlstand, Sozialstaat und innere Sicherheit. Arzneimittelausgaben dürfen deshalb nicht als Kostenfaktor, sondern als strategisches Asset und Investition in die Gesundheit der Bevölkerung, Handlungsfähigkeit des Staates und als positiver Beitrag zur Volkswirtschaft verstanden werden. - Innovationsfähigkeit
Innovationsfeindliche Strukturen müssen konsequent zurückgebaut werden. Für das deutsche Innovationsökosystem werden benötigt: verlässliche Erstattungssysteme und ein innovationsfreundliches und zukunftsgerichtetes AMNOG, wettbewerbsfähige Preise mit Blick auf MFN, Ausbau der steuerlichen Forschungsförderung, Erleichterungen bei klinischen Prüfungen, Bürokratieabbau im Bereich der Genehmigungen durch Ethik-Kommissionen und konsequente Digitalisierung, Datennutzung und Zugang zu Forschungsdaten - Resiliente Lieferketten und Diversifizierung von Handelspartnerschaften
Die Abhängigkeit von Asien, insbesondere China, ist ein strategisches Risiko, so der BPI. Daher ist es unerlässlich die europäische Produktion von Arzneimitteln, Wirkstoffen, APIs und Vorprodukten zu fördern sowie strategischerPartnerschaften mit befreundeten Staaten und EU-Drittländern auszubauen. Der EU Critical Medicines Act biete auf EU-Ebene einen wichtigen Anknüpfungspunkt, in dem sich Deutschland aktiv einbringen sollte. - Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG) ist Chance
Dem GeSiG muss politische Priorität eingeräumt werden, macht der BPI deutlich. Dafür brauche es ein integriertes, dauerhaft finanziertes System für: abgestufte Krisenverfahren (Friedens-, Krisen-, Verteidigungsfall), Public-Private-Partnerschaften für die Bevorratung und Produktionsvorhaltung medizinischer Gegenmaßnahmen (MCM), marktbasierte Pull-Anreize und Vorhalteverträge, zentrale, digitale Melde- und Bestandsplattformen für MCM sowie die Förderung von Dual-Use-Fähigkeiten, damit Infrastrukturen sowohl in Friedenszeiten und der zivilen Gesundheitsversorgung wie auch im Krisen- oder Verteidigungsfall für sicherheitsrelevante Aspekte genutzt werden können. - Krisenbereitschaft stärken
Erforderlich ist ein bundesweit verbindlicher und kohärenter Resilienzrahmen für das Gesundheitswesen mit Mindeststandards, klaren Zuständigkeiten und dauerhaft hinterlegter Finanzierung. Ziel müsse ein durchgängig funktionsfähiger „Notbetrieb“ der Versorgung – von der Klinik über IT und Energie bis zur Arzneimittelversorgung – einschließlich regelmäßiger Übungen sein. - Digitalisierung
Datengetriebene Forschung, RWE, KI, mRNA-Plattformen sind die Grundlage für Reaktionsfähigkeit bei Pandemien oder AMR. Der Zugriff auf Gesundheitsdaten müsse unter klaren Datenschutzstandards umfassend ermöglicht werden. - Nachhaltigkeit, Klima- und Umwelt-Resilienz
Klimawandel, AMR und Umweltkrisen sind sicherheitspolitische Risiken. Doch die Pharmaindustrie brauche Planungssicherheit bei neuen Umweltvorgaben. Es dürfe keine pauschalen Stoffverbote für bekannte, nicht ersetzbare Substanzen wie PFAS oder Ethanol geben. Zudem brauche es Forschungsförderung und IP-Verlängerungen für Forschung im Bereich AMR, Pandemieerreger, neu auftretende Infektionserkrankungen. - Koordination auf EU- und NATO-Ebene
Deutschland müsse eine führende Rolle in EU- und NATO-Strukturen übernehmen, wenn es um die Einbindung in EU-HERA (European Health Emergency Response Authority), EU-Stockpiling und dem CMA gehe. Zudem müssen medizinische und logistische Kapazitäten in NATO-Bereitschaftsstrukturen integriert werden.
„Sicherheit braucht Industrie“, so der BPI. „Versorgungssicherheit ist kein Zufallsprodukt, sondern Ergebnis vorausschauender, verlässlicher Industriepolitik. Nur wenn Forschung, Produktion und Innovation in Deutschland und Europa dauerhaft gestärkt und verankert werden, kann die Gesundheitsversorgung und industrielle Gesundheitspolitik auch in Krisenzeiten stabil bleiben.“