„Totgerittenes Pferd“

Aufschrei wegen Zyto-Ausschreibungen 30.09.2026 13:33 Uhr

Berlin - 

Das geplante Comeback von Zytostatika-Ausschreibungen sorgt für Entsetzen in der Branche: Der Verband der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker (VZA) warnt vor einer Gefährdung der Versorgung schwerstkranker Krebspatientinnen und -patienten, ohne dass es zusätzliche Einsparungen gäbe. Pro Generika fürchtet einen zusätzlichen Kostendruck in einem ohnehin fragilen Versorgungssegment.

„Es gibt keinen Grund, ein Modell wiederzubeleben, das der Gesetzgeber nach konkreten negativen Versorgungserfahrungen selbst abgeschafft hat“, erklärt der Präsident des VZA, Michael Marxen. „Es wäre nicht nachvollziehbar, dieses gescheiterte Modell heute wieder hervorzuholen. Das totgerittene Pferd der Zytostatika-Ausschreibungen sollte nicht erneut gesattelt werden.“

Offenbar sei bei der aktuellen Diskussion auch der jüngste Beschluss zur Hilfstaxe noch nicht berücksichtigt worden. Hier würden die Krankenkassen jährlich um mehr als 160 Millionen Euro entlastet. In Verbindung mit den Rabattverträgen der Krankenkassen würde das von der Finanzkommission Gesundheit angepeilte Einsparvolumen von rund 200 Millionen Euro längst erreicht. „Die wirtschaftlichen Potenziale sind bereits gehoben. Die Apotheken und pharmazeutischen Unternehmen haben ihren Beitrag geleistet. Mehr ist nicht drin, ohne die Versorgung zu beschädigen“, so Marxen.

Patienten nicht versorgt

Der Gesetzgeber habe die Ausschreibungen wegen der konkreten Auswirkungen auf die Versorgung von Krebspatientinnen und -patienten abgeschafft: Die kurze Phase von Zytostatika-Ausschreibungen auf Apothekenebene in den Jahren 2016 und 2017 habe erhebliche Probleme in der Versorgung verursacht. Therapien seien nicht, nicht rechtzeitig oder fehlerhaft geliefert worden. Schwerstkranke und immunsupprimierte Patientinnen und Patienten hätten in onkologischen Praxen und Ambulanzen teilweise stundenlang auf ihre Therapie warten müssen. Auch medizinische Zwischenfälle seien die Folge gewesen.

„Wer heute eine Wiedereinführung fordert, sollte sich an die Gründe erinnern, aus denen dieses Instrument seinerzeit von der Politik selbst abgeschafft wurde“, so Marxen. „Eine möglichst friktionsfreie Versorgung der Arztpraxis mit in einer Apotheke hergestellten parenteralen Zubereitungen aus Fertigarzneimitteln in der Onkologie zur unmittelbaren Anwendung beim Patienten hat eine hohe Bedeutung für die Versorgung der Versicherten.“

Bereits 2016 hätten sich neben dem VZA auch niedergelassene Hämatolog:innen und Onkolog:innen sowie Fachgesellschaften wie DGHO, BNHO, DGOP und DKG gegen Ausschreibungen auf Apothekenebene ausgesprochen. Auch bei einem Fachgespräch im Bundesgesundheitsministerium (BMG) im November 2024 lehnten nach Angaben des VZA selbst beteiligte Krankenkassenvertreter eine Wiedereinführung entsprechender Ausschreibungen ab.

Massive Kollateralschäden

Nun werde erneut die bestehende Infrastruktur der parenteralen Versorgung strukturell gefährdet: „Ein Reinraumlabor lässt sich nicht für zwei oder vier Jahre stilllegen und anschließend wieder in Betrieb nehmen“, betont Marxen. „Fällt eine spezialisierte Apotheke aufgrund einer Ausschreibung aus der Versorgung, geht die entsprechende Struktur dauerhaft verloren.“

Die Folgen träfen nicht nur die onkologische Versorgung. Die rund 250 hochspezialisierten Apotheken stellten beispielsweise auch parenterale Schmerzlösungen für die Palliativversorgung, Ernährungslösungen sowie antibiotika- und virustatikahaltige Infusionen her.

„Gerade angesichts der wachsenden Anforderungen an die Resilienz des Gesundheitswesens wäre es fahrlässig, hochspezialisierte und regional verfügbare Versorgungsstrukturen aufs Spiel zu setzen – insbesondere dann, wenn dadurch keine zusätzlichen Einsparungen erzielt werden“, erklärt die Geschäftsführerin des VZA, Christiane Müller.

Warnung vor Engpässen

Auch Pro Generika findet es nicht nachvollziehbar, eine solche Regelung nun über Nacht und ohne Abstimmung mit den Akteuren der Versorgung wieder einzuführen.

Die Versorgung mit versorgungskritischen Generika sei schon heute vielerorts angespannt. Gerade Zytostatika zählten traditionell zu einem besonders sensiblen Segment, das immer wieder von Versorgungsengpässen betroffen sei. In einer solchen Lage zusätzlichen Preisdruck zu erzeugen, würde die wirtschaftlichen Grundlagen für die Hersteller noch weiter untergraben.

„Wer in einem ohnehin fragilen Marktsegment den Preisdruck weiter erhöht, riskiert die Versorgung von Krebspatienten“, sagt Geschäftsführer Bork Bretthauer. „Wir unterstützen das politische Anliegen, Forschung, Entwicklung und Produktion in Deutschland zu stärken. Aber dieses Ziel darf nicht dadurch verfolgt werden, dass man ausgerechnet bei lebenswichtigen Krebs-Generika neue Fehlanreize setzt und die Versorgungssicherheit weiter schwächt.“