„Apotheken sind kein logistischer Anhängselbetrieb“ 10.06.2026 14:31 Uhr
Mit ihrem Positionspapier zur Primärversorgung hat die Abda sich bei der Ärzteschaft keine Freunde gemacht. Besonders scharf war die Reaktion der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Den populistischen Vorschlag, Arzneimittel in Drogerien abzugeben, weist der Hessische Apothekerverband (HAV) zurück.
Der HAV weist die Überlegungen des KV-Vorstands, Apotheken weitgehend durch Drogeriemärkte, Versandhandel, ärztliche Arzneimittelabgabe und wenige Regionalapotheken mit Fahrdienst zu ersetzen, entschieden zurück. Wer Apotheken im Kern als reine Abgabestellen für Packungen beschreibe, blende zentrale Versorgungsleistungen vollständig aus. Die Vor-Ort-Apotheken seien kein logistischer Anhängselbetrieb, sondern ein unverzichtbarer Teil der Arzneimitteltherapiesicherheit und der niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung.
Apotheken leisteten täglich weit mehr als die Abgabe industriell hergestellter Arzneimittel, so der HAV: Sie prüften Verordnungen, Dosierungen, Plausibilität, Wechselwirkungen und Kontraindikationen – häufig gerade an der Schnittstelle zwischen mehreren Ärztinnen und Ärzten. Sie berieten Patientinnen und Patienten unmittelbar, persönlich und niedrigschwellig zur sicheren Anwendung ihrer Medikamente. Sie stellten Arzneimittel individuell her, etwa Rezepturen für Kinder, Palliativpatienten oder besondere Versorgungssituationen. Sie sicherten Nacht- und Notdienste, Botendienste, Akutversorgung und die Versorgung auch dort, wo digitale Lösungen oder Versandwege praktisch nicht helfen. Und sie seien insbesondere für ältere, multimorbide und weniger digital affine Menschen ein vertrauter und oft unverzichtbarer Ansprechpartner vor Ort.
„Ein 24/7-Fahrdienst ersetzt kein pharmazeutisches Gespräch. Ein Drogerieregal ersetzt keine heilberufliche Verantwortung. Und eine Arzneimittelversorgung, die vorrangig auf Versandhandel und wenige zentrale Standorte setzt, wird gerade im ländlichen Raum nicht sicherer, sondern ausgedünnt“, so der HAV. Die Äußerungen der KV seien kein konstruktiver Beitrag zur notwendigen Weiterentwicklung der Versorgung, sondern eine gefährliche Verkürzung einer komplexen Versorgungsrealität. „Gerade jetzt brauchen wir Respekt, Sachlichkeit und Kooperation zwischen den Heilberufen – keine öffentlichkeitswirksamen Vorschläge, die das Vertrauen zwischen Arztpraxen, Apotheken und Patientinnen und Patienten belasten. Natürlich müssen Strukturen modernisiert, Bürokratie reduziert und Kompetenzen sinnvoll verteilt werden. Das gelingt aber nur mit den Apotheken und ihren pharmazeutischen Teams – nicht gegen sie. Wer die Versorgung der Menschen in Hessen ernst nimmt, muss Vor-Ort-Apotheken stärken, nicht ihre Abschaffung diskutieren.“