CDU will Teilzeit einschränken

Adexa: Teilzeit in Apotheken ist kein Lifestyle 28.01.2026 08:06 Uhr

Berlin - 

Die Apotheke ist weiblich und der Großteil der Beschäftigten arbeitet in Teilzeit. Das soll sich ändern. Der Wirtschaftsflügel der CDU fordert die Abschaffung des gesetzlichen Anspruchs auf Teilzeit. Die Adexa schlägt Alarm. Bei den Apothekenteams steht die Work-Life-Balance nicht immer im Vordergrund und Teilzeitarbeit ist kein freiwilliges „Lifestyle-Modell“. Im Gegenteil. Die Arbeit in Teilzeit ist oft eine Notwendigkeit, um Beruf, Familie und Pflege vereinbaren zu können.

Generell gilt: Das Recht auf Teilzeit ist gesetzlich verankert. So regelt das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) in § 8 Folgendes: „Ein Arbeitnehmer, dessen Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate bestanden hat, kann verlangen, dass seine vertraglich vereinbarte Arbeitszeit verringert wird.“

Der Anspruch besteht, wenn im Betrieb „in der Regel mehr als 15 Angestellte“ beschäftigt sind. Trifft dies zu und besteht der Wunsch nach Teilzeit, können Beschäftigte diesen schriftlich äußern, und zwar mindestens drei Monate vor dem angepeilten Beginn der Teilzeit. Anschließend ist der Chef oder die Chefin zu einer Antwort verpflichtet. Mehr noch: Er oder sie muss außerdem mit Arbeitnehmenden die gewünschte Verteilung der Arbeitszeiten besprechen – vorausgesetzt, Arbeitgebende stimmen dem Antrag zu.

Teilzeit-Recht abschaffen

Doch der Wirtschaftsflügel CDU will den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit abschaffen. Aus Sicht der Adexa wäre dies ein „massiver Rückschritt für die Beschäftigten in Apotheken“. Zudem stehe das Vorhaben im klaren Widerspruch zu den Interessen von Frauen, Familien sowie der langfristigen Sicherung qualifizierter Fachkräfte.

Rund zwei Drittel der angestellten Apotheker:innen, PTA und PKA in Deutschland arbeiten in Teilzeit. Diese sei kein freiwilliges „Lifestyle-Modell“, sondern für viele Beschäftigte eine notwendige Voraussetzung, um Beruf, Familie und Pflege miteinander vereinbaren zu können. Stichwort unbezahlte Care-Arbeit.

Zudem weist die Apothekengewerkschaft darauf hin, dass flexible Arbeitszeiten entscheidend sind, um qualifiziertes Personal zu halten und Nachwuchs für Apothekenberufe zu gewinnen. „Eine politische Debatte, die das Teilzeitrecht infrage stellt, ignoriert die Realität eines weiblich geprägten Gesundheitsberufs mit hoher gesellschaftlicher Verantwortung“, so die Adexa.

„Das ist ein armseliger und hilfloser Versuch, die deutsche Wirtschaft zu beflügeln“, erklärt Adexa-Vorstandsmitglied Tanja Kratt. „Arbeitnehmer:innen arbeiten aus guten Gründen nicht Vollzeit – und das längst nicht nur wegen familiärer Verpflichtungen. In Zeiten des Fachkräftemangels lässt sich der Arbeitsmarkt nicht per Gesetz regulieren. Vielmehr stehen die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden im Vordergrund.“

Fachkräftemangel verschärft sich

Die Adexa setzt sich seit Jahren für ein modernes Arbeitszeitrecht sowie für verlässliche Teilzeit- und Elternzeitmodelle ein. Eine Abschaffung oder Einschränkung des Teilzeitrechts würde den Druck auf die Beschäftigten erhöhen, sich trotz familiärer oder persönlicher Verpflichtungen für eine Vollzeitstelle entscheiden zu müssen. Die Konsequenzen wären erheblich: Rückschritte bei der Gleichstellung, Beeinträchtigungen von Gesundheit und Arbeitszufriedenheit sowie eine weitere Minderung der Attraktivität der Apothekenberufe. Zudem würde die Streichung des Rechts auf Teilzeit den Fachkräftemangel weiter verschärfen.

Rahmenbedingungen stärken

Daher lautet der Appell der Adexa an die Politik die Rahmenbedingungen für gute und flexible Arbeit in Teilzeit zu stärken, anstatt das Recht abzuschaffen. Gefordert werden:

  • Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten,
  • Entbürokratisierung von Eltern‑ und Teilzeitmodellen,
  • konsequente Einbeziehung der Beschäftigteninteressen in arbeitsrechtliche und apothekenpolitische Reformen.

„Ein Angriff auf das Teilzeitrecht wäre ein Angriff auf sozialen Fortschritt, Gleichstellung und die Zukunftsfähigkeit der Apothekenberufe.“

Wer fordert welche Änderung – und warum?

„Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten“, sagte die CDU-Politikerin Gitta Connemann dem „Stern“. Wegen Deutschlands Fachkräftemangel solle „freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung“ nicht dauerhaft „durch den Sozialstaat abgesichert“ werden dürfen, so die Juristin und gelernte Schuhverkäuferin.

Seit gut vier Jahren ist die 61-Jährige Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), einer einflussreichen Wirtschaftsinteressen-Vertretung bei CDU/CSU, seit 2025 Staatssekretärin bei Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Die CDU soll nach dem Willen der MIT auf ihrem Parteitag in drei Wochen in Stuttgart beschließen, dass es keinen Rechtsanspruch „auf Lifestyle-Teilzeit“ mehr geben soll. „Es geht uns um anlasslose Teilzeit“, so Connemann bei RTL und ntv.

Laut Statistischem Bundesamt haben 2024 etwa 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit gearbeitet – fast jede zweite Frau (49 Prozent) und 12 Prozent der Männer. Höher ist der Anteil zuletzt unter anderem wegen eines Beschäftigungszuwachses in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil geworden – etwa dem Gesundheits- und Sozialwesen, Erziehung und Schule.

Familiäre Pflichten als Grund nannten 33 Prozent der Frauen – und 9 Prozent der Männer. „Insbesondere mit Blick auf die Betreuung von Kindern und Angehörigen, ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege die Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen“, schreiben die Statistiker.

Nicht nur aus der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner SPD und dem CDU-Sozialflügel kommt teils heftige Kritik am MIT-Vorstoß – und die Warnung vor weniger Arbeitnehmerrechten. Für eine Einschränkung des Teilzeitanspruchs wäre aber ein Einvernehmen in der Koalition nötig. Immerhin Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) reagierte aber mit der Forderung nach „mehr Vollzeitarbeit“ – kombiniert mit Betreuungsmöglichkeiten. Connemann gab sich kämpferisch. Kritik wies sie als mutwiliges Missverstehen zurück. „Es geht uns ausschließlich darum, kein einseitiges Recht gegenüber Arbeitgebern zu haben, wenn es darum geht, sein Freizeitinteresse leben zu können“, sagte sie RTL und ntv. „Teilzeit ist richtig und gut, wenn ein Grund besteht.“