40 Euro pro Quartal: LAK sucht Rentner 28.03.2026 07:55 Uhr
In der Landesapothekerkammer Hessen (LAK) brennt die Luft. Dank einer Gesetzesänderung sollen nun auch Apotheker:innen im Ruhestand zur Kasse gebeten werden: 40 Euro pro Quartal. Abteilungsleiter Friedrich Geerth ist siegessicher – hat die Rechnung aber ohne die Rollator-Gang gemacht.
Friedrich Geerth ist ein Mann, dessen Empathiewerte stabil unter denen einer Packung Einmalhandschuhe liegen. Sein neuester Auftrag ist die Jagd auf das Tafelsilber: 40 Euro Quartalsbeitrag von jeder Apothekerin und jedem Apotheker im Ruhestand. „Das ist doch kein Hexenwerk“, dröhnt Geerth von seinem Schreibtisch aus, als er die ihm für den Sonderauftrag zugewiesenen Mitarbeitenden zum Rapport bittet.
Von der Besatzung seines „Kommando Restlaufzeit“ – kurz KoReLa – schickt er unter anderem seinen jüngsten Referenten Leon-Luca Wagner-Neumann an die Front – jung, naiv und mit dem Ehrgeiz eines GenZ-Schülerpraktikanten am ersten Arbeitstag. Dessen Zielperson: Dr. Roswitha Hinkebein, approbiert seit 1972, nun offiziell zur Beitragserhebung (wieder) freigegeben.
Enkeltrick? Stehen Sie früher auf!
Doch die hessische Provinz ist eine analoge Festung, gegen die das Darknet wie ein Streichelzoo wirkt. Der Versuch, die 40 Euro telefonisch zu erwirken, endet in einer Sackgasse aus Wählscheiben und paranoider Alters-Aggression. „Enkeltrick? Nicht mit mir, du Gauner!“, krächzt es aus dem Hörer, gefolgt vom Knallen des Bakelit-Hörers, das in Geerths Ohren nachhallt wie ein Genickschuss.
Wer nur ein altes Knochen-Handy besitzt, schaltet es ohnehin nur ein, wenn der Sensenmann persönlich anklopft. Um den Senior:innen die Beute schmackhaft zu machen, hat die Sondereinheit eine „Service-Offensive“ gestartet. Geerth lässt Formulare drucken: „Wir kündigen für Sie!“ Zur Auswahl stehen: VHS-Kurse, Aquafit oder das Seniorenticket für Bus und Bahn – die 40 Euro sollen im Portemonnaie augenscheinlich nicht kneifen.
„Wer nicht mehr mit der Poolnudel im Chlorwasser zappelt, hat das Geld auch für uns übrig“, kalkuliert Geerth mit der moralischen Integrität einer Schwimmaufsicht im Freibad, die Sprünge vom Beckenrand auf’s Härteste verurteilt und die Moralpredigten danach gerne mit einer Trillerpfeiffensymphonie untermalt.
Frühsport, Apotheke, Metzger
Gen-Z-Kollege Wagner-Neumann beginnt die Treibjagd morgens um acht an Hinkebeins Haustür. Er klingelt Sturm, doch nur die Nachbarin Ute lugt neugierig über den Zaun. Sie sieht aus, als hätte sie die Weimarer Republik noch persönlich miterlebt. „Die Roswitha? Die ist doch um diese Zeit beim Frühsport!“ Wagner-Neumann hetzt zum Park, sieht aber nur noch verwaiste Gymnastikmatten, die dort herumliegen wie die Überreste einer gescheiterten Exhumierung. „Die Frau Hinkebein?“, keucht eine rüstige Greisin beim Einpacken. „Die musste in die Apotheke. Blutdruckmessen und Rätselhefte für die Nachbarschaft holen.“
In der Apotheke angekommen, empfängt ihn eine Komposition aus 4711, Pferdesalbe und Klosterfrau Melissengeist, die noch schwer in der Luft hängt. „Ach, die Frau Dr. Hinkebein“, lacht die PTA, „unsere alte Chefin. Die ist auf dem Wochenmarkt. Sie hat Kalbsgehacktes vorbestellt.“
Am Marktstand des Metzgers herrscht Hochbetrieb. Der Chef grinst hämisch: „Jo, ihr Hack hat sie schon. Die muss jetzt zu Hause sein, die Klöße rollen sich ja nicht von alleine, nech!“ Der junge Fahnder, dem sich beim Anblick der Auslagen der umweltbewusste Magen umdreht, steht also wieder vor Hinkebeins Haus.
Klöße und Eierlikör-Torte
Wieder streckt die neugierige Nachbarin ihren Kopf heraus, diesmal aus dem Fenster. „Was? Zu Hause? Die macht doch den Kochkurs bei der VHS: Kulinarik für Silversurfer – heute: Kalbsgehacktes mit Rotkohl und schlesischen Klößen.“
Bei der Volkshochschule angekommen riecht es fantastisch. Ein Teilnehmer hält dem Jungen eine Gabel hin: „Probier mal, Bürschchen, bist ja ganz blass um die Nase!“ Die Apothekerin a.D. ist allerdings schon weitergezogen. „Die ist zum Seniorentreffen im Pfarrhaus. Da gibt’s heute Eierlikör-Torte.“
Am Pfarrhaus findet er nur noch Krümel und leere Packungen Eucalyptusbonbons, die wie Patronenhülsen einer Rentner-Guerilla am Boden liegen. „Frau Hinkebein ist für eine neue Rollatorbereifung im Sanitätshaus“, heißt es dort. „Bodenlos“, murmelt der junge Fahnder zu sich selbst, „wird lowkey immer wilder hier“ – womit er ausdrücken möchte, dass die gesamte Situation nur noch besser werden kann.
Flucht mit dem Reisebus
Am örtlichen Sanitätshaus angekommen drückt er sich die Nase an der Fensterscheibe platt, wie der Detektiv, der er nun einmal ist – doch keine Spur von der Apothekerin. In einem unbedarften Moment erkennt er, wie sie – mit neuer Bereifung – aus der Hintertür des Geschäfts zur Haltestelle eilt. „Frau Dr. Hinkebein!“, schreit der Jungspund und winkt mit dem offiziellen Schreiben und den vorbereiteten Formularen. „LAK, bleiben Sie stehen!“
Die Apothekerin a.D. lässt sich allerdings nicht beirren – und den Rollator in einen Reisebus hieven. Als Wagner-Zimmermann näher kommt, grinst die Apothekerin und lässt ein Bonbon im Mund knacken: „Netter Versuch, Bürschchen! Aber ich fahre jetzt zur Kaffeefahrt in die Lüneburger Heide. Und morgen ist Canasta-Turnier – Einsatz: genau 40 Euro!“
Kammerbeiträge, Protest, Finanzkomission
Tatsächlich sollen in Hessen nun auch Beiträge von denjenigen Apothekerinnen und Apothekern erhoben werden, die nicht berufstätig sind. Doch die in Frage kommenden Personen müssen erst einmal ausfindig gemacht werden.
Vielleicht waren einige von ihnen in Düsseldorf. Knapp 25.000 Demonstrierende waren dort sowie in Berlin, Hannover und München auf der Straße. Zum Protesttag haben die Apothekenteams ein deutliches Signal ausgesendet. Abda-Chef Thomas Preis kommentierte: „Bereits zum dritten Mal demonstrieren wir hier, eigentlich aus einem traurigen Anlass, aber die Vielzahl der Kolleg:innen zeigt einfach die Stärke der Apotheken. Wir haben die Gesundheitsministerin auf unserer Seite.“
Bereits in dieser Woche wurden außerdem die konkreten Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen diskutiert. Am kommenden Montag sollen die Ergebnisse der Finanzkommission Gesundheit vorgestellt werden – mit einem Einsparziel im zweistelligen Milliardenbereich. Noch vor der Präsentation gehen die Ärzte auf die Barrikaden: Bei Honorarkürzungen würden sie weniger Termine anbieten, erklärte Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gegenüber der Bild.
In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende!