Wie Neurodermitis das Asthma-Risiko erhöht 07.11.2026 08:58 Uhr
Menschen mit einer Neurodermitis entwickeln im Laufe der Zeit häufig zusätzlich ein allergisches Asthma. Der Grund dafür ist noch weitgehend unklar. Zwei Publikationen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) rücken nun bestimmte Immunzellen als Verantwortliche in den Fokus, die basophilen Granulozyten.
Die Neurodermitis, auch „atopische Dermatitis“ genannt, zählt zu den häufigsten Hautkrankheiten. Sie beginnt meist schon im Säuglings- oder Kleinkindalter. Wodurch sie ausgelöst wird, ist noch nicht endgültig geklärt. Allerdings weiß man, dass Allergene aus Tierhaaren, Hausstaub oder Pollen zu einem Entzündungsschub führen können. „Bei der Neurodermitis ist die Hautbarriere gestört; daher können Substanzen aus der Umwelt leichter in den Körper gelangen“, erklärt Professor Dr. David Vöhringer, der am Universitätsklinikum Erlangen die Infektionsbiologische Abteilung leitet.
Als Heranwachsende entwickeln die Kinder oft zusätzlich ein allergisches Asthma oder Nahrungsmittelallergien. All diese Beschwerden zählen zu den sogenannten „atopischen“ Erkrankungen, die durch Überempfindlichkeiten der Haut oder der Schleimhäute charakterisiert sind. „Wir sprechen in der Medizin daher auch von einem atopischen Marsch“, sagt Dr. Daniel Radtke, der die Studie leitete und beide Publikationen zusammen mit seiner Mitarbeiterin Dr. E Da Choi und Vöhringer verfasst hat. „Wodurch es zu dem Übergreifen der allergischen Sensibilisierung auf andere Organe kommt, ist noch nicht abschließend geklärt.“
Ohne Basophile kein Asthma
Die Arbeitsgruppe konnte aber kürzlich zeigen, dass beim atopischen Marsch bestimmte Immunzellen eine wichtige Rolle spielen, die basophilen Granulozyten. Sie werden von Stammzellen im Knochenmark gebildet und zirkulieren normalerweise im Blut. Wird die Haut durch einen Fremdstoff gereizt, durchqueren die Granulozyten die Blutgefäßwand und wandern zum betroffenen Gewebe. Dort schütten sie Botenstoffe aus, die andere Zellen des Immunsystems aktivieren. Die Folge ist eine Entzündungsreaktion.
Lange Zeit wurden sie lediglich als mit Mastzellen verwandte Effektorzellen bei IgE-vermittelten Reaktionen betrachtet. Inzwischen werden sie jedoch zunehmend als entscheidende Koordinatoren von Typ-2-Immunantworten und als Akteure bei der Entstehung allergischer Erkrankungen anerkannt. Als bedeutende Produzenten von Zytokinen, Chemokinen und Eicosanoiden fungieren sie als zentrale Modulatoren der Funktion dendritischer Zellen (DZ), der Aktivität angeborener lymphoider Zellen vom Typ 2 (ILC2) sowie der Differenzierung von T-Helfer-2-Zellen (Th2-Zellen) und beeinflussen so Entzündungsprozesse in Haut und Lunge.
Studien am Menschen zur atopischen Dermatitis (AD) haben eine Infiltration von Basophilen in entzündete Hautareale belegt, die häufig mit einer Rekrutierung von Eosinophilen einhergeht; zudem konnten in Mausmodellen direkte Auswirkungen auf eine Dysfunktion der epidermalen Barriere sowie auf chronische Entzündungsprozesse nachgewiesen werden. Bemerkenswert ist, dass Basophile kontextabhängige Funktionen erfüllen – so tragen sie beispielsweise auch zur Wundheilung bei. Das unterstreich die Komplexität ihrer Wirkungsweise.
„Wir haben nun auf die Haut von Mäusen mit Neurodermtissymptomen ein Allergen aufgetragen und parallel dazu für kurze Zeit die Bildung der basophilen Immunzellen unterbunden“, erklärt Radtke. Wenn die Tiere später das Allergen einatmeten, kam es in der Lunge nur zu einer schwachen Entzündungsreaktion. Bei einer Kontrollgruppe, in der das Team die Produktion der basophilen Granulozyten nicht unterdrückt hatte, fiel diese dagegen deutlich stärker aus – wie bei einem starken Asthmaanfall.
Kommunikationsweg noch unbekannt
„Das zeigt, dass die basophilen Granulozyten in der Haut dafür sorgen, dass nun auch die Lunge überempfindlich auf das Allergen reagiert“, sagt Dr. Radtke. „Auf welchem Wege das geschieht, wissen wir noch nicht.“
Möglicherweise spielt dabei Interleukin-4 eine wichtige Rolle. Der Botenstoff wird in großen Mengen von den basophilen Granulozyten ausgeschüttet, wenn diese durch ein Allergen aktiviert werden, und verstärkt die Immunreaktion. Komponenten dieser starken Immunantwort können über das Blut die Atemwege erreichen und das dortige Immunsystem oder die Zellen, die die Bronchien auskleiden, in eine erhöhte Alarmbereitschaft versetzen.
In ihrem jetzt erschienenen Übersichtsartikel weisen die Forschenden darauf hin, dass sich aus ihren Ergebnissen auch neue Präventivstrategien gegen Asthma ergeben könnten. „Es ist sehr wichtig, allergische Hautreaktionen in der frühen Kindheit rasch und wirksam zu behandeln“, betont Vöhringer. „Denn eine langanhaltende oder sehr starke Aktivierung basophiler Granulozyten könnte das Asthma-Risiko deutlich erhöhen.“ Eventuell ist es auch möglich, die „Fernwirkung“ dieser Aktivierung gezielt zu unterbinden. Dazu ist es wichtig, die molekularen Wege aufzuklären, über die die Zellen mit der Lunge kommunizieren.
Momentan werden Medikamente entwickelt und erprobt, die die Bildung von Interleukin-4 durch basophile Granulozyten verringern. Primäres Ziel ist es, mit diesen Wirkstoffen die Hauterkrankung mit ihrem höchst unangenehmen Juckreiz zu lindern. „Vielleicht ist es möglich, mit ihnen auch die Gefahr eines späteren Asthmas zu reduzieren“, hofft Vöhringer. „Ob das der Fall ist, bleibt aber noch abzuwarten.“