Polypharmazie

Multimedikation gefährdet Senioren Nadine Tröbitscher, 08.05.2017 14:03 Uhr

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen: Im Jahr 2015 erhielten etwa 62 Prozent der über 65-Jährigen eine Multimedikation. Die Patienten sind sich der Risiken oft nicht bewusst. Foto: Elke Hinkelbein
Berlin - 

Polypharmazie ist altersabhängig – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Handelskrankenkasse (hkk) zum Thema Multimedikation. Die Patienten nehmen parallel verschiedene Medikamente ein, die unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) zur Folge haben können. Laut Hochrechnungen werden zwischen 12.000 und 58.000 Patienten jährlich durch UAW dauerhaft geschädigt oder sterben.

Die hkk hatte Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) mit der Studie beauftragt, die folgende Fragen beantworten sollte: Wie viele und welche Versicherten werden polypharmazeutisch behandelt? Welchen Risiken sind die Betroffenen ausgesetzt und wie können diese verringert werden? Wie können unnötige Medikationen vermieden werden?

Mit dem Alter treten vermehrt Krankheiten auf, die Patienten nehmen mehr Medikamente ein. Im Jahr 2015 erhielten etwa 62 Prozent der über 65-Jährigen eine Multimedikation. Insgesamt wurden etwa 35 Prozent aller hkk-Versicherten polypharmazeutisch behandelt. Etwa 74 Prozent der multimorbiden Patienten erhalten fünf oder mehr verschiedene Medikamente.

Die Arzneimittelsicherheit im Alter erhöhen soll die PRISCUS-Liste, diese „Verbotsliste“ enthält Arzneistoffe, die für ältere Patienten ungeeignet sind. Dennoch erhielten etwa 19 Prozent der über 65-Jährigen hkk-Versicherten eine für sie bezüglich der Nebenwirkungen und Wechselwirkungen ungeeignete Medikation, obwohl die Liste Alternativen zur Behandlung vorschlägt. Am häufigsten wurden laut Braun hochwirksame, beruhigende und schlaffördernde Arzneimittel verordnet. Eine Dauermedikation beeinträchtige die Lebensqualität der Patienten und führe in eine Abhängigkeit.

Zudem bemängeln Experten das fehlende Gesundheitsbewusstsein der Patienten. Polypharmazeutisch behandelte Personen sind sich laut Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2011 den Risiken ihrer medikamentösen Therapie nicht bewusst. Etwa 60 Prozent der Patienten finden es sogar überflüssig, wenn der Arzt weniger Medikamente verordnen will. Denn etwa 72 Prozent der Betroffenen glauben, dass alle Ärzte einen Überblick über die Medikation der Kollegen haben.

Patienten, die mindestens drei verschiedene Medikamente über einen Zeitraum von 28 Tagen parallel einnehmen müssen, haben seit Oktober Anspruch auf einen Medikationsplan, den der Hausarzt erstellt. Dieser Plan soll sowohl alle verschreibungspflichtigen als auch rezeptfreien Medikamente beinhalten.

Protokolliert werden Wirkstoff, Dosierung und Einnahmegrund. „Diese Maßnahme ist ein sinnvoller Schritt zu mehr Transparenz bei der Medikamentenverordnung. Polypharmazie entsteht vielfach aus der verbreiteten Vorstellung, dass jede Krankheit gleichwertig und gleichzeitig mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln behandelt werden muss“, sagt Braun. Eine Studie der hkk im laufenden Jahr soll einen Nachweis über den Nutzen des Medikationsplans, seiner Vollständigkeit, Korrektheit und damit des erhofften Nutzens im Arzneimittelalltag liefern.

Der Leiter des hkk-Versorgungsmanagements, Dr. Christoph Vauth, sieht den Medikationsplan als einen wichtigen Start. „Die Sicherheit der Arzneimitteltherapie spielt insbesondere bei der Behandlung von multimorbiden Patientinnen und Patienten, deren Erkrankungen weiter fortschreiten, noch immer eine untergeordnete Rolle.“ Dies müsse sich dringend ändern.

„Es geht nicht nur um die Anzahl der Medikamente. Vielmehr muss für Arzt und Patient Transparenz über die Vielzahl der unterschiedlichen Medikamente geschaffen werden, damit unerwünschte Wechselwirkungen vermieden werden können. Der neue Medikationsplan, den Patienten von ihren Ärzten erhalten können, ist aber nur ein erster wichtiger Meilenstein.“