Gefährlicher Trend

Überdosis droht: Jodlösung nicht trinken 12.03.2026 09:01 Uhr

Berlin - 

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW) warnt aktuell vor Gesundheitsgefahren durch die Einnahme von Lugolscher Lösung und ähnlichen Mitteln. Das Desinfektionsmittel wird im Internet als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. „Von der Einnahme muss klar abgeraten werden“, sagt Angela Clausen, Expertin für Nahrungsergänzungsmittel.

Bei Lugolscher Lösung handelt es sich um eine wässrige Jod-Kaliumiodid-Lösung, die traditionell als Desinfektionsmittel oder Reagenz dient. Sie enthält in der Regel 1 bis 5 Prozent elementares Jod.

Aktuell wird das Desinfektionsmittel laut Verbraucherschützern gegen Jodmangel regelrecht gehyped. Da der Jodgehalt extrem hoch sei, könne die Einnahme zu schweren Gesundheitsstörungen führen, warnt die Verbraucherzentrale NRW. In einem Marktcheck wurden die Angaben von 14 verschiedenen Online-Angeboten untersucht. Aufgrund der Ergebnisse sprechen die Expert:innen eine klare Warnung aus.

Angeblich Jodversorgung verbessert

Die Lösung werde mit ähnlichen Beschreibungen wie auch andere Nahrungsergänzungsmittel angepriesen und soll bei Konsument:innen die Jodversorgung verbessern. Auch gebe es konkrete Einnahmeempfehlungen und Hinweise zur Bioqualität. Zudem werden laut Verbraucherzentrale gesundheitsbezogene Werbeaussagen verwendet, die nur für Lebensmittel zugelassen sind.

Laut Clausen ist die Verwendung lebensmitteltypischer Begriffe verharmlosend und irreführend. „Die vielfach gefundene Aussage, die Lösung sei ‚geprüft nach dem europäischen Arzneibuch (Ph.Eur.)‘, bedeutet nichts anderes, als dass die Herstellungskriterien eingehalten wurden. Mit Sicherheit und Wirkung hat das nichts zu tun“, warnt sie. „Den Hinweis, dass das Produkt nur für Laborzwecke bestimmt ist, sollte man hingegen unbedingt ernst nehmen.“

Expertin rät ab

„Von der Einnahme muss klar abgeraten werden“, betont Clausen. „Wir haben es bei diesen Produkten mit einer so hohen Jod-Dosierung zu tun, dass der Konsum gesundheitsgefährdend ist.“

Sie räume zwar ein, dass die Jodversorgung in Deutschland rückläufig sei. „Aber es besteht keinerlei Anlass für derart drastische Überversorgungen.“ Für die Behandlung von nachgewiesenem Jodmangel seien angemessen dosierte Arzneimittel zugelassen, betont Clausen.

Die Lugolsche-Lösung sei klar Chemikalie und kein Nahrungsergänzungsmittel. „Schon ein kleiner Tropfen mit 0,05 Milliliter einer 5-prozentigen Lösung enthält mit circa 6,3 Milligramm mehr als das 40-Fache der Zufuhrempfehlung für Erwachsene von 150 Mikrogramm Jod am Tag“, stellt Clausen klar.

Wird durch die Haut aufgenommen

Demnach sind in einem Milliliter der Lösung 126.000 Mikrogramm Jod enthalten. „Der Arbeitskreis Jodmangel, der mit renommierten Fachmediziner:innen besetzt ist, warnt, dass die Lugolsche Lösung so stark ist, dass sie bereits durch die Haut aufgenommen wird“, weiß die Expertin. Das führe in den sozialen Medien zu absurden Hauttests, mit denen man angeblich einen Mangel selbst feststellen kann, beschreibt sie den gefährlichen Trend.

„Behauptungen, dass man mit Hilfe dieser Lösung ganz unproblematisch das Immunsystem stärken und selbst etwas gegen Schilddrüsenerkrankungen oder gar Brustkrebs unternehmen könne, entbehren jeder Grundlage“, so Clausen. Stattdessen könne der sehr hohe Jodgehalt zu massiven Funktionsstörungen der Schilddrüse führen – bis hin zu einer Schilddrüsenunterfunktion oder einem Kropf.

Jodversorgung in Deutschland

Die Jodversorgung in Deutschland ist laut neuen Erhebungen nicht ausreichend. Insbesondere werdende und stillende Mütter würden ihren Kindern keine ausreichenden Jodmengen bereitstellen können, sofern sie nicht gezielt Jodsupplemente einnehmen, erläutert Professor Dr. Thomas Remer, Zweiter Vorsitzender des Arbeitskreises Jodmangel (AKJ).

Es seien gezielte gesundheitspolitische Maßnahmen notwendig. „Denn hier in Deutschland hat sich die Jodversorgung in vergangenen Jahren bis etwa 2018 erheblich verschlechtert“, erklärt der Experte. Bereits die länger zurückliegende DEGS-Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) würde zeigen, dass rund 47 Prozent der 18- bis 29-jährigen und fast 40 Prozent der 30- bis 39-jährigen Frauen ein erhebliches Jodmangelrisiko aufweisen.

Empfehlungen für Jod

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat ihre Empfehlungen im vergangen Jahr angepasst. Bislang galten je nach Alter unterschiedlich hohe Mengen Jod am Tag. Die neuen Werte orientieren sich jetzt am durchschnittlichen Bedarf und nicht wie bislang am Ausgleich eines möglichen Defizits der Bevölkerung.

  • Erwachsene benötigen täglich 150 Mikrogramm Jod, unabhängig vom Alter.
  • Frauen brauchen während der Schwangerschaft und Stillzeit 220 bis 230 Mikrogramm täglich.
  • Säuglinge bis zwölf Monate müssen 80 Mikrogramm Jod täglich aufnehmen.
  • Kleinkindern und Kindern bis 7 Jahren werden 90 Mikrogramm Jod am Tag empfohlen.
  • 7- bis 13-jährige brauchen 120 Mikrogramm täglich.
  • Jugendliche ab 13 Jahren sind mit 150 Mikrogramm bestens versorgt.