Spermidin: Studie zeigt Effekte auf Immunabwehr 27.06.2026 08:45 Uhr
Das Altern des Immunsystems galt lange als unaufhaltbar. Eine neue klinische Pilotstudie der University of Oxford rüttelt an diesem Dogma. Im Fokus steht der natürliche Wirkstoff Spermidin – ein Hoffnungsträger der Longevity-Forschung. Die veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass eine gezielte Supplementierung die zelluläre Müllabfuhr reaktivieren und eine schwache Immunantwort im Alter stärken kann.
Spermidin ist ein heiß diskutiertes Thema in der Longevity-Forschung. Das natürliche Polyamin kommt in fast allen lebenden Zellen vor und ist dort essenziell für das Zellwachstum und die Zellfunktion. Zudem gilt als eines der stärksten bekannten natürlichen „Autophagie-Induktoren“, der körpereigenen Müllabfuhr der Zellen. Dabei werden beschädigte Proteine und gealterte Zellbestandteile abgebaut und recycelt. Da dieser Prozess im Alter nachlässt, führt dies zu gealterten Zellen. Spermidin kann dann eingesetzt werden, um die Effekte des Fastens zu imitieren und dieses Recycling wieder anzukurbeln.
Spermidin am Menschen getestet
Im Rahmen einer Studie der University of Oxford, wurden erstmals am Menschen die Auswirkungen einer Spermidin-Supplementierung auf die Immunalterung, die Zellregeneration und die Impfantworten nach einer Sars-CoV-2-Impfung untersucht. In der doppelblinden, randomisierten und placebokontrollierten klinischen Pilotstudie wurden die Daten von insgesamt 40 Erwachsenen über 65 Jahren erhoben. Die Teilnehmer erhielten nach ihrer dritten Corona-Impfung entweder täglich Spermidin oder ein Placebo.
Spermidin aktiviert Autophagie
Dabei erwies sich eine tägliche Dosis von 6 mg Spermidin als sicher. Sie aktivierte die Autophagie, sprich zelluläre Reparaturprozesse, und verbesserte die Immunantwort – insbesondere bei älteren Erwachsenen, die anfangs eine sehr schwache Antikörperreaktion zeigten. Die Antikörper konnten auch das Eindringen des Virus in Zellen besser blockieren. Zudem stieg die Anzahl wichtiger Gedächtnis-B-Zellen und Marker der Immunzellalterung wurden reduziert.
Neben seiner Wirkung auf das Immunsystem wird Spermidin in der Wissenschaft intensiv auf seine positiven Effekte bei der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beim Schutz vor neurodegenerativen Krankheiten, wie Demenz oder Alzheimer und allgemein zur Verlängerung der gesunden Lebensspanne untersucht.
Impfschutz mit Spermidin erhöhen
Ältere Menschen reagieren mit einer schwächeren Immunantwort auf Impfungen als junge Menschen. Möglicherweise lässt sich diese aber mit einer Einnahme von Spermidin verstärken.
Das berichteten Forschende um Professorin Katja Simon, Leiterin der Arbeitsgruppe Zellbiologie der Immunität am Max Delbrück Center, und Professorin Ghada Alsaleh vom Nuffield Department of Orthopaedics, Rheumatology & Musculoskeletal Sciences (NDORMS) der University of Oxford haben in der Fachzeitschrift „Aging Cell“. Konkret konnte gezeigt werden, dass die tägliche Einnahme von Spermidin die Immunantwort auf eine Covid-19-Impfung verbessern kann.
„Viele ältere Menschen sprechen zwar gut auf Impfstoffe an“, so Alsaleh. „Manche aber entwickeln selbst nach wiederholten Impfungen keinen starken Schutz.“ Die biologische Alterung ihrer Immunzellen könne ein Grund dafür sein. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Spermidin dazu beitragen könnte, bestimmte Aspekte der Immunfunktion bei den Betroffenen wiederherzustellen“, erklärt die Wissenschaftlerin.
Für die Analyse wurden 40 gesunde Erwachsene im Alter von mindestens 65 Jahren rekrutiert. Nach der dritten Covid-19-Impfung erhielten diese 13 Wochen lang jeden Tag entweder sechs Milligramm Spermidin oder ein Placebo.
Stärkere Immunantwort
Rund ein Viertel der Teilnehmenden wies trotz der dreimaligen Impfung nur sehr schwache Antikörperreaktionen auf. Die Immunzellen dieser Menschen wiesen deutliche Anzeichen biologischer Alterung auf. Nahmen diese Menschen Spermidin ein, stieg ihre durch die Impfung induzierte Immunität messbar. Die Forschenden konnten bei ihnen tendenziell höhere Konzentrationen von Antikörpern gegen Sars-CoV-2 sowie höhere neutralisierende Aktivitäten gegen mehrere Virusvarianten beobachten als in der Placebogruppe.
„Unsere Untersuchung war als Pilotstudie konzipiert und hatte daher eine relativ geringe Zahl an Teilnehmenden“, so Simon. „Nun sind größere Studien erforderlich, um zu überprüfen, wie gut Spermidin die Impfantwort tatsächlich verbessern kann – und ob ähnliche Effekte auch bei anderen Impfstoffen, etwa gegen die saisonale Grippe, zu beobachten sind.“
Natürliche Quellen
Der menschliche Körper kann Spermidin im Darm teilweise selbst herstellen, allerdings sinkt die Konzentration im Laufe des Lebens drastisch. Über die Nahrung kann es ebenso aufgenommen werden. Besonders reich an Spermidin sind:
- Weizenkeime
- Reifer Käse, wie Parmesan
- Pilze
- Hülsenfrüchte, wie Sojabohnen und Kichererbsen
- Kreuzblütler-Gemüse, wie Brokkoli, Blumenkohl