Schwere Hypoglykämie nach Lieferengpass 01.07.2026 15:11 Uhr
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) berichtet über den Fall einer schweren Hypoglykämie infolge einer Umstellung vom Wocheninsulin (Insulin icodec, Awiqli) auf das Basalinsulin (Insulin glargin, Abasaglar). Die Umstellung erfolgte aufgrund einer vorübergehenden Nichtverfügbarkeit.
Wirkstoffcheck
Mit Insulin icodec ist ein lang wirkendes Humaninsulin auf dem Markt. Der Fokus liegt auf der Regulierung des Glukosestoffwechsels. Das Ultra-Langzeit-Insulinanalogon hat eine Halbwertszeit von 196 Stunden, dies entspricht etwa acht Tagen. Durch die hohe Affinität zu Albumin können Diabetiker:innen die täglichen Injektionen auf eine einmal wöchentliche Gabe reduzieren. Dabei wird Albumin als natürlicher Insulinspeicher genutzt. Die einmal wöchentliche subkutane Applikation kann einen Einfluss auf die Therapieakzeptanz sowie die Therapieadhärenz und Lebensqualität haben. Die Hauptwirkung ist die Regulierung des Glucosestoffwechsels. Werden spezifische Insulinrezeptoren aktiviert, wird die periphere Glucoseaufnahme, insbesondere durch Skelettmuskeln und Fettgewebe, stimuliert und die Glucoseproduktion in der Leber gehemmt.
Insulin glargin ist ein langwirksames Insulin-Analogon und kommt als Basalinsulin zum Einsatz. Der Wirkstoff bindet an die Alpha-Untereinheit von Insulin-Rezeptoren und führt zu einer erhöhten Glukosespeicherung in den Zellen. Der Blutzuckerspiegel wird dadurch gesenkt. Die Verabreichung erfolgt einmal täglich immer zur gleichen Zeit. Als Nebenwirkungen drohen Hypoglykämie, lokale Hautreaktionen an der Einstichstelle, seltener auch Ödeme, Sehstörungen oder Myalgie.
Der Fall
Ein 88-jähriger Patient mit langjährigem Diabetes mellitus Typ 2 wird mit Metformin und Empagliflozin sowie seit Februar 2025 wöchentlich mit 220 Einheiten Insulin icodec subkutan behandelt. Im März vergangenen Jahres war das Präparat vorübergehend in der Apotheke nicht verfügbar. In der Folge wurde auf Insulin glargin umgestellt.
Die Ehefrau spritzte dem Mann sieben Tage nach der letzten Gabe von Insulin icodec abends 30 Einheiten Insulin glargin. In der Nacht kam es zu einer schweren Hypoglykämie mit generalisiertem Krampfanfall. Der Notarzt wurde alarmiert und der Mann mehrere Stunden klinisch überwacht. Der Patient erholte sich vollständig ohne bleibende Schäden.
Bewertung
Aufgrund der sehr starken reversiblen Albuminbindung von Insulin icodec und dessen Halbwertszeit von etwa 196 Stunden sei davon auszugehen, dass auch sieben Tage nach der letzten Injektion noch erhebliche blutzuckersenkende Wirkstoffspiegel im Körper vorliegen.
Laut AkdÄ enthält die Fachinformation zwar detaillierte Hinweise zur Umstellung vom täglichen Basalinsulin auf Insulin icodec, aber nicht zur Umstellung in umgekehrter Richtung. Daher würden Anwender davon ausgehen, nach sieben Tagen ohne Weiteres mit einem anderen Basalinsulin in voller Dosierung beginnen zu dürfen.
Die AkdÄ stuft den Fall als schwere, wahrscheinlich kausal mit der kombinierten Insulinwirkung zusammenhängende, unerwünschte Arzneimittelwirkung ein. Von einem Medikationsfehler könne nicht ausgegangen werden, da die dem Mann und seiner Frau vorliegenden Informationen keine ausreichende Warnung vor dem Hypoglykämierisiko bei Therapiewechsel enthielten.
Fazit
Das Sicherheitsproblem wird von den Expert:innen als klinisch hochrelevant eingestuft. Werden Patient:innen vom Wocheninsulin auf ein täglich zu applizierendes Basalinsulin umgestellt, müsse aufgrund der langen Halbwertszeit das Hypoglykämierisiko durch noch vorhandene Insulin-icodec-Spiegel berücksichtigt werden. Die Fachinformation sollte entsprechend ergänzt werden.