Klinikapotheke

Reinraum, Rohrpost, Roboter Julia Pradel, 15.07.2015 14:11 Uhr

Berlin -

Mehr als eine Million Arzneimittelabgaben, 81.000 sterile Zubereitungen, 20.000 Rezepturen und Defekturen – das ist die Jahresbilanz der Krankenhausapotheke des Universitätsklinikums Leipzig. Die 47 Mitarbeiter der Apotheke versorgen insgesamt mehr als 2400 Betten an der Uniklinik und vier weiteren Häusern. Seit 2001 wird die Apotheke von Dr. Roberto Frontini geleitet, dem ehemaligen Präsidenten des europäischen Verbands der Krankenhausapotheken (EAHP).

Die 1600 Quadratmeter große Apotheke verfügt über moderne Labore und effiziente Logistiksysteme. Die Bestelllisten beispielsweise werden an mobile Geräte geschickt und können von den Apothekenmitarbeitern direkt im Lager bearbeitet werden. Auf 650 Quadratmetern werden dort mehr als 1500 Produkte vorrätig gehalten, neben Arzneimittel auch Infusionslösungen, parenterale Ernährung, Defekturen und Rezepturen. Auch die verschiedenen Notfalldepots werden hier unterhalten.

Die Arzneimittel werden aus den Regalen auf ein Förderband gelegt, von einem Kommissionierautomaten gescannt und automatisch in bis zu 20 Kisten für verschiedene Stationen sortiert. Was der Automat nicht erkennt, wird aussortiert und von Hand bearbeitet. Die Kisten für die Stationen werden in mannshohe Rollcontainer eingehängt. In eine Halterung an der Außenwand dieser Metallcontainer wird ein Chip für die jeweilige Ziel-Station gesteckt. Roboter-Fahrzeuge greifen die Container, lesen den Chip ein und fahren die Arzneimittel ans Ziel. Dringende Anforderungen verschickt die Apotheke per Rohrpost.

Die Apotheke besitzt – laut Frontini als eine der wenigen Apotheken in Deutschland – eine eigene Herstellungserlaubnis für klinische Prüfpräparate. „Fast wöchentlich gibt es Anfragen“, so der Direktor. Rund 80 klinische Studien betreuen zwei Mitarbeiter der Apotheke derzeit. Sie bestellen, lagern und dokumentieren die Studienmedikation, versenden die Studienware und entsorgen nicht benötigte Prüfmedikation.

Für die Herstellung von Präparaten sind insgesamt 22 Apothekenmitarbeiter zuständig. Neben Studienmedikation und Labordiagnostika fertigt die Apotheke besonders Sterilrezepturen sowie Rezepturen und Defekturen – darunter jährlich 3000 Salben und Cremes, 2000 Lösungen, Suspensionen und Emulsionen, sowie 45.000 Kapseln und 400 Zäpfchen. Die Apotheke besitzt Salbenrührwerke für fünf und zwölf Kilogramm sowie einen Ansatzkessel für 25 Liter.

Auf 250 Quadratmetern GMP-zertifizierter Herstellungsfläche mit neun Reinräumen, Personal- und Produktschleusen und neun Sicherheitswerkbänken werden 81.000 sterile Zubereitungen im Jahr hergestellt. Darunter sind 23.000 Chemotherapien, hinzu kommen Infusionslösungen für seltene Erkrankungen, Schmerzmedikationen, Ernährungslösungen oder Rezepturen für Auge und Ohr.

Sechs der insgesamt 13 Apotheker sind im Bereich Klinische Pharmazie tätig. Sie beraten Pflegepersonal und Ärzte und geben Empfehlungen zur Arzneimittelauswahl und zu Alternativ- und Austauschpräparaten und helfen bei patientenindividuellen Dosierungen, etwa bei Patienten mit Nieren- oder Leberinsuffizienz. Auch zur Sondengängigkeit von Tabletten und Kapseln, die Haltbarkeit nach Anbruch oder Interaktionen verschiedener Arzneimittel beraten die Pharmazeuten das Klinikpersonal. Außerdem nehmen sie an Visiten teil und schulen das medizinische Personal. Künftig arbeiten sie zudem im Zentrum für Arzneimittelsicherheit (ZAMS) eng mit der Universität zusammen.

Die Geschichte der Leipziger Krankenhausapotheke reicht bis ins Jahr 1548 zurück, als das städtische Lazarett erstmals chronistisch erwähnt wurde. Seit 1733 besaß das Lazarett eine eigene Hausapotheke, die später von den vier Apothekern der Stadt im jährlichen Wechsel mit Arzneimitteln versorgt wurde. Die Apotheker finanzierten gemeinsam einen Gehilfen, der sich um die Medikamentenversorgung des Lazaretts kümmerte. Von 1833 an zahlte der Stadtrat den Spitalapotheker selbst.

1848 wurde die Apotheke als eigenständige Institution gegründet. Der wirtschaftliche Aufschwung in den Jahren nach 1871 stellte die Apotheke vor Herausforderungen: Die Zahl der anzufertigenden Medikamente wuchs, und 1894 wurde ein Umbau erforderlich. Im Dezember 1943 wurden die Räume der Apotheke im Krieg vernichtet.

Zunächst kam die Apotheke im Sockelgeschoss der Dermatologischen Klinik unter. Das war eigentlich als Übergangslösung gedacht. Doch die Apotheke blieb länger, erhielt neue Räume, eine Sterilproduktion und Labore für die Zytostatikazubereitung. Im Januar 2009 erfolgte der lang ersehnte Umzug in den Neubau des Konservativen Zentrums.