Paracetamol: Kein Autismus-Risiko für ungeborenes Kind 17.01.2026 11:10 Uhr
US-Präsident Donald Trump hatte schwangere Frauen bei einer Pressekonferenz im September vor der Einnahme von Paracetamol gewarnt. Frisch analysierte Daten widerlegen erneut, dass tatsächlich Gefahr droht.
Grundlage sei die Analyse von 43 großen, qualitativ hochwertigen Studien, berichtet das Team im Fachjournal „The Lancet Obstetrics, Gynecology, & Women's Health“. Einbezogen wurden Geschwistervergleiche. Damit gemeint: Daten von Menschen, bei denen sich diejenigen genetischen Grundlagen und Umweltfaktoren stark ähneln, die die neurologische Entwicklung beeinflussen.
„Zusammen mit großangelegten, geschwisterkontrollierten Studien aus Schweden und Japan, die 2024 und 2025 veröffentlicht wurden, belegen unsere Ergebnisse die Sicherheit von Paracetamol bei sachgemäßer Anwendung in der Schwangerschaft“, lautet die Schlussfolgerung der Experten.
Trump redet – Experten widersprechen
US-Präsident Donald Trump hatte schwangere Frauen bei einer Pressekonferenz im September vor der Einnahme von Paracetamol – in den USA unter dem Markennamen Tylenol bekannt – gewarnt. Er stellte dabei einen Zusammenhang mit Autismus beim Kind her. Er sagte, Schwangere sollten das Medikament nur im äußersten Notfall verwenden – und bei Kopfschmerzen oder Fieber lieber mal die Zähne zusammenbeißen.
In sozialen Netzwerken kursiert Trumps Warnung seither. Und das, obwohl Wissenschaftler:innen direkt vehement widersprachen. Expert:innen warnten zudem, dass unbehandeltes Fieber und starke Schmerzen Mütter und Babys einer ernsten Gefahr aussetzen können.
Auch das Team der aktuellen Übersichtsarbeit gibt dies zu bedenken. Insbesondere unbehandeltes Fieber der Mutter seien mit Fehlgeburten, angeborenen Fehlbildungen, Frühgeburten und neurologischen Entwicklungsstörungen in Verbindung zu bringen.
Für Verzerrungen anfällige Grunddaten
Es gibt keine belastbaren wissenschaftlichen Belege, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft Autismus oder ADHS beim Kind verursacht. Zwar haben einzelne Studien eine mögliche Verbindung nahegelegt. Experten sehen in deren Datengrundlage aber Risiken für falsche Schlüsse.
„Viele Analysen basieren auf den Angaben der Mütter zum Paracetamol-Gebrauch, die anfällig für Erinnerungsverzerrungen und Fehlklassifizierungen sind“, heißt es in der aktuellen Analyse. Mütter von Kindern, bei denen später eine neurologische Entwicklungsstörung diagnostiziert wurde, erinnerten sich möglicherweise eher an die Einnahme von Medikamenten oder gäben diese übertrieben an.
Genetische Veranlagung vor Paracetamolgebrauch
Die neue Analyse bestätige, dass es keinen klinisch bedeutsamen Anstieg der Wahrscheinlichkeit einer Autismus-Spektrum-Störung gebe. Gleiches gelte auch in Bezug auf ADHS oder einer geistigen Behinderung bei Kindern. Voraussetzung sei, dass Schwangeren Paracetamol wie vorgeschrieben anwenden, erläutert das Team um Asma Khalil vom St George's University Hospitals NHS Foundation Trust in London.
Berichteten Zusammenhängen zwischen Paracetamol und den genannten Krankheitsbildern lägen eher mütterliche Faktoren wie Schmerzen, Unwohlsein, Fieber oder genetische Veranlagung zugrunde.
Schwangerschaft: Paracetamol weiter Mittel der Wahl
Paracetamol ist den Forschenden zufolge das am häufigsten verwendete Schmerz- und Fiebermittel in der Schwangerschaft. Es wird weltweit als Mittel der ersten Wahl zur Schmerzlinderung und Fiebersenkung empfohlen.
Der Einsatz werde unverändert weiter empfohlen, hieß es nach den Trump-Sätzen unter anderem von der zuständigen europäischen Gesundheitsbehörde EMA. „Wie jedes Arzneimittel zur Akutbehandlung sollte es in der niedrigsten wirksamen Dosis, über den kürzestmöglichen Zeitraum und so selten wie möglich angewendet werden.“ Auch die US-Arzneimittelbehörde FDA und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) widersprachen dem US-Präsidenten.
Paracetamol sollte also wie jedes andere wirksame Medikament nicht leichtfertig eingenommen werden. Der Berufsverband der Frauenärzte rät, dass Schwangere Medikamente grundsätzlich nur nach Rücksprache mit ihrer behandelnden Ärztin oder ihrem behandelnden Arzt nutzen sollten.
Wolfgang Paulus von der Universitätsfrauenklinik Ulm betonte, dass andere Mittel wie Ibuprofen, Diclofenac oder Opioide in der Schwangerschaft nur mit erheblichen Einschränkungen verwendbar und keinesfalls eine bessere Alternative seien.
Verunsicherung kann sich verhärten
Aussagen wie die von Trump sorgen Experten zufolge für Angst und Schuldgefühle. Schwangere würden verunsichert und stellten womöglich medizinische Empfehlungen infrage oder behandelten Schmerzen und Fieber aus Sorge nicht ausreichend, sagte Anne Reinhardt von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Expertin für Gesundheitskommunikation.
„Langfristig gesehen können sich solche Narrative dann festsetzen und das Vertrauen in Medizin und Wissenschaft untergraben – selbst, wenn die Datenlage dagegenspricht.“ Bekannt sei das von anderen Gesundheitsmythen. „Die zigfach widerlegte Behauptung, dass die Masern-Impfung zu Autismus führe, hält sich hartnäckig und beeinflusst Impfentscheidungen noch heute.“