Off-Label: Zwei Antidepressiva bei Post-Covid 10.04.2026 14:51 Uhr
Agomelatin und Vortioxetin gehören neben Metformin und Ivabradin zu den Arzneimitteln, die im Off-Label-Use bei Post/Long-Covid verordnet werden können. Regulär kommen die beiden Wirkstoffe – bekannt aus Valdoxan beziehungsweise Brintellix – zur Behandlung von schweren Depressionen zum Einsatz.
Post/Long-Covid-Patient:innen leiden unter verschiedenen Beschwerden, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und im Verlauf variieren. Dazu gehören beispielsweise körperliche, kognitive und psychische Symptome, die einzeln oder in Kombination auftreten und die Lebensqualität der Betroffenen negativ beeinflussen können.
Mit Agomelatin und Vortioxetin stehen zwei bekannte Wirkstoffe zur Verfügung, die im Off-Label-Use eingesetzt werden können und vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in die Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) aufgenommen wurden und somit verordnungsfähig sind.
Agomelatin
Agomelatin wird regulär zur Behandlung einer schweren Depression bei Erwachsenen angewendet. Im Off-Label-Use können Arzneimittel mit dem Wirkstoff künftig eingesetzt werden, um eine Fatigue bei postinfektiöser Myalgischer Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) und bei Long/Post-Covid zu behandeln. Als Fatigue wird ein andauernder starker Erschöpfungszustand bezeichnet, körperlich als auch geistig.
Ziele der Therapie sind eine Verbesserung von Fatigue sowie der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Die empfohlene Dosis beträgt 25 mg – einmal täglich beim Zubettgehen. Tritt nach zwei Wochen keine Besserung der Symptome auf, kann die Dosis auf einmal täglich 50 mg (zwei Tabletten zu je 25 mg) beim Zubettgehen erhöht werden.
Achtung, eine Dosissteigerung kann mit einem höheren Risiko eines Anstiegs der Transaminasenwerte einher gehen. Jede Dosissteigerung sollte daher auf einer individuellen Nutzen/Risiko-Abwägung beruhen. Zudem sollen die Vorgaben zur Kontrolle der Leberfunktion strikt eingehalten werden. Die Behandlungsdauer sollte mindestens zwölf Wochen betragen.
Verordnungsfähig sind derzeit Agomelatin-haltige Arzneimittel von AbZ, Betapharm, CC Pharma, Puren, Ratiopharm, Servier und TAD. Diese Hersteller haben für ihre Agomelatin-haltigen Arzneimittel eine Anerkennung des bestimmungsgemäßen Gebrauchs abgegeben (Haftung des pharmazeutischen Unternehmers).
Agomelatin ist ein melatonerger (MT- und MT-Rezeptoren) Agonist und 5-HAT-Antagonist. Der Wirkstoff hat keinen Effekt auf die Monoaminaufnahme und keine Affinität zu α- und β-adrenergen, histaminergen, cholinergen, dopaminergen und Benzodiazepin-Rezeptoren. Agomelatin erhöht die Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin und hat keinen Einfluss auf den extrazellulären Serotoninspiegel.
Vortioxetin
Vortioxetin ist regulär zugelassen zur Behandlung einer schweren Depression. Im Off-Label-Use kann das Arzneimittel laut G-BA eingesetzt werden, um bei Patientinnen und Patienten mit Long/Post-Covid kognitive Beeinträchtigungen – zum Beispiel eine verringerte Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung – und/oder depressive Symptome zu behandeln.
Die Ziele der Behandlung im Off-Label-Use sind die Verbesserung kognitiver Funktionen, depressiver Symptomatik und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.
Betroffene nehmen 5 bis 20 mg täglich als Einzeldosis, gegebenenfalls kann ein Einschleichen mit 5 mg und eine Dosissteigerung nach zwei Wochen auf bis zu 20 mg erfolgen. Behandelt wird, bis die Symptome abgeklungen sind – zur Aufrechterhaltung der Wirkung wird eine Behandlungsdauer von mindestens sechs Monaten empfohlen.
Der Wirkmechanismus von Vortioxetin wird auf die direkte Modulation der serotonergen Rezeptoraktivität und Hemmung des Serotonin-(5-HT)-Transporters zurückgeführt. Die Hemmung des 5-HT-Transporters führt zu einer Modulation der Neurotransmission in verschiedenen Systemen, die vorrangig das Serotonin-, wahrscheinlich aber auch das Norepinephrin-, Dopamin-, Histamin-, Acetycholin- sowie das gabaerge und glutamaterge System umfassen. Vermutlich kommt es in dem Zug zu einer antidepressiven und Anxiolytika-ähnlichen Wirkung sowie zur Verbesserung der kognitiven Funktion, des Lernens und Gedächtnisses.
Long/-Post-Covid
Von Long Covid ist gemäß S1-Leitlinie die Rede, wenn längerfristige, gesundheitliche Beeinträchtigungen im Anschluss an eine Sars-CoV-2-Infektion, die über die akute Krankheitsphase von vier Wochen hinaus bestehen. Die Beschwerden können bereits in der akuten Erkrankungsphase beginnen und längerfristig bestehen bleiben oder Wochen und Monate nach der Infektion neu oder wiederkehrend auftreten.
Post Covid besteht gemäß Weltgesundheitsorganisation (WHO), wenn Beschwerden mindestens zwölf Wochen und länger nach der akuten Corona-Infektion entweder noch vorhanden sind oder nach diesem Zeitraum neu auftreten und nicht anderweitig erklärt werden können.