Bessere Versorgung gefordert

„Menschen mit Adipositas sind in Deutschland unterversorgt“ dpa/APOTHEKE ADHOC, 12.05.2022 09:59 Uhr

Zu wenig Bewegungsangebote, schwierige Kostenübernahme: Patient:innen mit Adipositas sind Expert:innen zufolge unterversorgt. Foto: Fuss Sergey/shutterstock.com
Berlin - 

Etwa 17 Millionen Menschen in Deutschland sind stark übergewichtig – und während der Corona-Pandemie sind es nach ersten Erkenntnissen noch mehr geworden. Die Betroffenen erfahren häufig zu spät und nicht ausreichend Hilfe, kritisieren Expert:innen und Selbsthilfe-Gruppen.

„Die Adipositas-Therapie ist in Deutschland chronisch unterfinanziert“, sagte der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Jens Aberle. Ob beispielsweise Kosten für eine Ernährungsberatung oder eine Bewegungstherapie übernommen werden, hänge von der individuellen Zustimmung der Krankenkasse ab.

„Andere Therapieoptionen wie die medikamentöse Behandlung werden grundsätzlich nicht erstattet“, beklagte der ärztliche Leiter am Adipositas-Centrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Adipositas sei eine chronische Krankheit und keine Lebensstil-Entscheidung, betonte Aberle. Notwendig sei professionelle Hilfe.

Professionelle Hilfe oft schwierig

„Menschen mit Adipositas sind in Deutschland unterversorgt“, beobachtet auch Michael Wirtz. Der 50-Jährige aus Winsen (Luhe) bei Hamburg ist Vorstandsmitglied des Vereins Adipositashilfe Deutschland. Wirtz bemängelt zum Beispiel, dass es zu wenige spezielle Bewegungsangebote gibt.

Von Adipositas spricht man ab einem Body Mass Index (BMI) von 30. Es gibt drei Schweregrade. In Hannover wurde in einem Pflegeheim eine Station für 30- bis 60-Jährige mit dem höchsten Schweregrad (BMI über 40) eingerichtet. Nach Angaben des Betreibers Diakovere geht es hier neben der dauerhaften Gewichtsreduktion auch darum, wieder mobil zu werden und die Isolation zu durchbrechen.

Studie zeigt Auswirkungen auf andere Erkrankungen

Ein zu hohes Körpergewicht gilt gemeinhin als ungesund. Eine im Fachjournal „Lancet Diabetes & Endocrinology“ veröffentlichte Analyse aus mehreren Langzeitstudien zeigte kürzlich sogar, dass das Risiko für 21 verschiedene Erkrankungen durch Adipositas erhöht wird. Menschen mit Übergewicht könnten somit gleich mehrere Krankheiten aufweisen, die es zu behandeln gilt. Insgesamt geht dadurch wertvolle Lebensqualität verloren.

Insgesamt wurden bei der großangelegten Analyse drei Langzeitstudien berücksichtigt. Zur Definition von Adipositas wird der Body-Mass-Index (BMI) herangezogen. Dabei wird zwischen verschiedenen Abstufungen unterschieden:

  • Übergewicht ≥ 25
  • Präadipositas 25-29,9
  • Adipositas Grad I 30-34,9
  • Adipositas Grad II 35-39,9
  • Adipositas Grad III ≥40

In allen drei Studien zeigte sich, dass Menschen mit Übergewicht im Verlauf häufiger an einer Multimorbidität litten. In den finnischen Studien waren die Ergebnisse besonders deutlich: Mehr als 53 Prozent der adipösen 75-Jährigen litten an mindestens zwei Erkrankungen. Bei normal-gewichtigen Personen waren es nur 8,3 Prozent.

Das Team berechnete, dass rund ein Drittel aller einfachen und mehr als die Hälfte der komplexen Multimorbiditäten durch ein normales Körpergewicht hätten vermieden werden können. Schon bei einem BMI von über 25 zeigte sich ein Anstieg für das Erkrankungsrisiko mit verschiedensten Krankheitsbildern.