Digitalisierung

„Apotheken müssen Betreuung zelebrieren“ Enrico Blasnik, 18.03.2016 14:10 Uhr

Berlin - 

Robody's perfect? Maschinen übernehmen in Zukunft wichtige Aufgaben in der Apotheke, glaubt Professor Dr. Gerd Folkers von der ETH Zürich. Der Experte für Pharmazeutische Chemie und Wissenschaftsforschung setzte bei der Digitalkonferenz VISION.A von APOTHEKE ADHOC allerdings den Menschen in den Mittelpunkt.

Die Automatisierung sei dabei, Einzug ins Gesundheitswesen zu halten, so Folkers: Es gebe Apps, die im Falle eines Unfalls den Helikopter oder den Krankenwagen riefen. Auch in der Diagnostik spiele die Digitalisierung eine immer wichtiger werdende Rolle: Durch Software können Mediziner heute deutlich besser – und auch deutlich mehr – Krankheiten erkennen und individualisiert behandeln. Beim Zähneputzen werde die Compliance der Menschen nicht nur durch Unterhaltung verbessert, sondern auch durch Kontrolle. Roboter synthetisierten Wirkstoffe in direkter Anbindung an Tierversuche im Labor.

Für die Apotheken sieht der Experte kein Problem, wenn sie automatisiert werden – bis zu einem gewissen Grad. Wenn Maschinen die nächtliche Ausgabe von Medikamenten übernähmen, sei das nicht allzu problematisch, sagte Folkers. Er habe in riesigen Flugzeughallen Prototypen automatischer Systeme gesehen, die Pillen ausspuckten. Dort brauche man den Menschen nur noch, um den Wachhund zu füttern, so sein lakonischer Kommentar.

Bei aller Begeisterung für die digitale Transformation fehlt Folkers der Mangel an Kritik. Die Digitalisierung schaffe ein „algorithmisches Menschenbild“, das die Vielfalt, die „komplette Breite des Lebens“ nicht abbilden könne. Die Gefahr bestehe, dass man im Zuge der Digitalisierung in Sackgassen lande. Das Pendel schlage bereits jetzt zurück: Amazon eröffne Buchshops, die Leute gingen wieder in Papeterien einkaufen. Er hoffe, dass irgendwann auch die in eine Kneipe umgewandelte Offizin wieder zur Apotheke werde.

Er sieht auch in Zukunft die Apotheke als erste Anlaufstelle für Patienten, weil sie eine niedrigere Schwelle habe als zum Beispiel das Internet. Allerdings müsse die Betreuung der Patienten wieder mehr zelebriert werden. Er verwies auf die Manufakturen, die gerade wieder eine Renaissance erführen. Technische Innovation und menschliche Zuwendung müssten in der personalisierten Medizin vereint werden.

Folkers warnte davor, dass in einer automatisierten Welt nur noch Patienten mit Geld eine individuelle Zuwendung erhalten. Kassenpatienten blieben bei dieser Weiterentwicklung der Versorgung auf der Strecke, für sie reiche die Einheitsmedizin für alle.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sei eine permanente gesellschaftliche Diskussion notwendig. Dabei kommt es auch auf die Apotheken an, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.