Tonsillitis

Mandelentzündung: Kinder und Raucher gefährdet dpa, 07.07.2016 18:08 Uhr

Infektionsherd Mandeln: Besonders Kinder im Alter bis zu fünf Jahren sind betroffen.Ein hohes Risiko für eine Tonsillitis haben auch Raucher. Foto: CDC
Mönchengladbach/Berlin - 

Der Hals tut weh, das Schlucken fällt schwer – dahinter kann sich eine Mandelentzündung verbergen. Verschleppen sollte man die auf keinen Fall. Mit einer medikamentösen Therapie heilt sie aber in aller Regel folgenlos aus.

Die Zunge weit herausstrecken und dann langgedehnt „A“ sagen. Wer das wegen Halsschmerzen vor dem Spiegel macht und dabei sieht, dass der Rachen gerötet ist und die Mandeln geschwollen sind, sollte einen Arzt aufsuchen. Kommen zu diesen Symptomen auch noch Fieber und Abgeschlagenheit hinzu, dann verdichten sich die Anzeichen für eine akute Mandelentzündung.

Die Gaumenmandeln, medizinisch Tonsillen genannt, befinden sich im menschlichen Körper quasi am Eingang der Atem- und Speisewege. Gelangen Keime oder Viren in den Mund oder die Nase, werden sie von den Mandeln in der Regel abgefangen. „Insofern schützen die Mandeln den Körper vor Krankheiten und trainieren am Lebensanfang das Immunsystem“, sagt Prof. Jochen Windfuhr, Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohren-Heilkunde, Plastische Kopf- und Hals-Chirurgie und Allergologie am Krankenhaus Maria Hilf in Mönchengladbach.

Ist der Körper geschwächt – etwa durch Erkältungskrankheiten, psychischen oder körperlichen Stress – dann besteht die Gefahr, dass die Abwehrmechanismen nicht optimal funktionieren. Dann kann es passieren, dass sich Krankheitserreger in dem weichen Gewebe der Rachenregion rasant vermehren. „Am Anfang steht oft eine virale Infektion, der in vielen Fällen ein Bakterien-Befall folgt“, sagt Windfuhr. Aber auch unabhängig davon können sich bakterielle Entzündungen entwickeln. Typische Auslöser sind Streptokokken.

Kommt es zu einer bakteriellen Infektion, dann sind auf den geschwollenen Mandeln sogenannte Eiterstippchen zu sehen. Das sind weiß-gelbliche Ausscheidungsprodukte. An einer akuten Mandelentzündung können Menschen in jedem Alter erkranken. Aber: „Am häufigsten sind Kinder im Alter bis zu fünf Jahren betroffen“, sagt Windfuhr, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie mit Sitz in Bonn ist. Grund ist, dass in diesem Lebensalter die Abwehrmechanismen noch nicht so ausgereift sind wie bei Älteren.

Aber auch Erwachsene können noch eine Tonsillitis bekommen. „Ein Risikofaktor hierfür ist das Rauchen“, sagt ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg. Das Entstehen von Entzündungsherden in der Mund-Rachen-Region wird nach ihren Angaben durch Nikotin gefördert. „Offensichtlich spielt das Rauchen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Abszessen in den Mandeln“, erklärt Windfuhr. Abszesse sind abgekapselte, eitrige Entzündungen. Um Komplikationen zu vermeiden, sollte der Eiter zügig abgelassen werden. „Manchmal ist hierfür eine komplette Mandelentfernung nötig.“

Eine Mandelentzündung bekommt ein Arzt meist problemlos in den Griff. „Verschrieben werden je nach Beschwerden und Verlauf entweder fieber- und schmerzsenkende Präparate oder auch Antibiotika“, sagt Sellerberg. Der Heilpraktiker Rene Gräber aus dem schleswig-holsteinischen Preetz rät, sich zusätzlich einen kalten Wickel um den Hals zu legen, um die Hitze abzuleiten und Schmerzen zu lindern.

Um die Halsregion nicht unnötig zu reizen, sollte der an einer Mandelentzündung erkrankte Patient nur weiche Nahrung zu sich nehmen. Wichtig ist auch, viel zu trinken, damit die Krankheitserreger ausgeschieden werden. „Am besten nur Wasser oder Kräutertees, da Obstsäfte wegen des Säuregehalts schmerzhaft sein können“, erklärt Gräber. Hilfreich kann es auch sein, mit Salbeitee zu gurgeln.

Eine akute Mandelentzündung heilt in aller Regel ohne Komplikationen in einem Zeitraum von ein bis zwei Wochen aus. „Die Infektion ist allerdings für eine bestimmte Zeit ansteckend“, sagt Windfuhr. Erkrankte sollten deswegen erst nach Rücksprache mit dem Arzt wieder in den Kindergarten, in die Schule oder zur Arbeit gehen.

Wird die Krankheit nicht behandelt oder verschleppt, dann droht eine chronische Mandelentzündung. Da ständig entzündete Mandeln ein Infektionsherd sind, kann dies schwerwiegende Folgeerkrankungen wie etwa Herz- oder Nierenentzündungen nach sich ziehen.

Ob eine operative Mandelentfernung nötig ist oder nicht, das hängt von der Zahl der Mandelentzündungen ab, die in den zurückliegenden zwölf Monaten aufgetreten sind und eine Antibiotika-Therapie erforderten. Haben sich innerhalb eines Jahres mehr als drei Mal akute Mandelentzündungen entwickelt, kann ein Eingriff in Erwägung gezogen werden. „Bei einer Häufigkeit von sechs Mal in einem Jahr ist der Eingriff sicher effektiver als eine alleinige Antibiotikumtherapie“, sagt Windfuhr.

Bei Kindern und Jugendlichen ist das anders: Bei ihnen sind häufig „riesige Mandeln zu finden, die sich für eine Verkleinerung ideal eignen“, erklärt der Facharzt. „Ein eingeschränktes Schlucken und Atmen lässt sich bei derartigen Befunden sofort durch die Operation beseitigen.“ Gerade kleinere Kinder können nach einem solchen Eingriff nachts viel besser atmen. Studien haben laut Windfuhr auch einen positiven Effekt der Teilentfernung von Mandeln bei akuten Mandelentzündungen nachweisen können.

Dadurch lassen sich im Vergleich zur Komplettentfernung Schmerzen nach der OP reduzieren. Außerdem kommt es weniger häufig zu Blutungskomplikationen. Blutungen nach einer Komplettentfernung sind gefürchtet – denn sie können mitunter lebensgefährlich sein, sagt Windfuhr. „Wegen dieses Risikos sind Mandelentfernungen keine Bagatelloperationen, was vielen Menschen so nicht klar ist.“