Vorzeitige Änderung wegen neuer Wirkstoffe

Kinder-Adipositas: Neue Leitlinie berücksichtigt GLP-1 11.05.2026 14:59 Uhr

Berlin - 

Die medizinische Leitlinie zur „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ wurde in ihren Aussagen zur medikamentösen Therapie vorzeitig aktualisiert. Hintergrund ist eine substanzielle Veränderung der wissenschaftlichen Evidenzlage. Zukünftig sollen Betroffene vermehrt medikamentös unterstützt werden können.

Die Behandlung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter steht vor einem grundlegenden Wandel. Aufgrund einer massiv veränderten Datenlage haben medizinische Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und die Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG), die offizielle Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ vorzeitig aktualisiert.

Fortschritt bei Therapiemöglichkeiten

Ursprünglich war eine Überarbeitung erst für das Jahr 2027 vorgesehen. Doch der rasante Fortschritt in der pharmazeutischen Forschung machte ein sofortiges Handeln laut den Experten erforderlich. „Seit der letzten Leitlinienversion im Jahr 2019 hat sich die Evidenz zur medikamentösen Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter grundlegend weiterentwickelt“, erklärt Leitlinienkoordinator Professor Dr. Martin Wabitsch.

„Mehrere randomisierte kontrollierte Studien zeigen klinisch relevante Effekte einer Therapie mit GLP-1-Rezeptoragonisten auf Körpergewicht und kardiometabolische Risikofaktoren bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas. Gleichzeitig liegen Zulassungen für das Jugendalter vor.“ Vor diesem Hintergrund sei ein Abwarten bis Anfang 2027 fachlich nicht mehr vertretbar gewesen. „Ohne eine zeitnahe Aktualisierung bestünde das Risiko, dass therapeutische Entscheidungen nicht mehr dem aktuellen Stand der Evidenz entsprechen“, betonen die Experten.

Medikamentöse Unterstützung

Im Zentrum dieser Neuausrichtung stehen neuere Medikamente, insbesondere GLP-1-Rezeptoragonisten. Die Therapie bei Kindern und Jugendlichen setzte bisher über Jahrzehnte fast ausschließlich auf Verhaltensänderungen wie Sport und Ernährung. Aktuelle Studien zeigen jedoch nun, dass medikamentöse Unterstützung klinisch signifikante Erfolge erzielt. Die Wirkstoffe senken nicht nur das Körpergewicht effektiv, sondern verbessern auch kardiometabolische Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder gestörte Blutzuckerwerte erheblich.

Deswegen hat die Leitliniengruppe zwei neue Empfehlungen zur medikamentösen Therapie verabschiedet:

  • Bei Adipositas kann eine medikamentöse Therapie ab dem zugelassenen Mindestalter als Ergänzung einer leitliniengerechten Lebensstilintervention in Betracht gezogen werden.
  • Bei Kindern und Jugendlichen mit extremer Adipositas (> 99,5. Perzentil) und anhaltender Gewichtszunahme sollte die medikamentöse Therapie in spezialisierten Zentren unter klar definierten Kriterien erwogen werden.

Risiko für Folgeerkrankungen

Während die medikamentöse Therapie bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter grundsätzlich eine individuell zu prüfende Option darstelle, rechtfertige das deutlich erhöhte Krankheits- und Progressionsrisiko bei extremer Adipositas eine stärker gewichtete Empfehlung. „Kinder und Jugendliche mit extremer Adipositas tragen ein erheblich erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, arterielle Hypertonie, Dyslipidämie und kardiovaskuläre Folgeerkrankungen“, so Wabitsch. „Eine medikamentöse Therapie stellt hier eine relevante Alternative zur bariatrisch-chirurgischen Therapie dar.“

Kostenübernahme häufig abgelehnt

Trotz der vorliegenden Evidenz würde die Kostenübernahme derzeit häufig unter Verweis auf § 34 Abs. 1 Satz 7 SGB V („Lifestyle-Paragraf“) abgelehnt, erklären die Experten. Aber: „Die aktuelle Evidenzlage zeigt deutlich, dass es sich nicht um eine Lifestyle-Intervention handelt, sondern um die Behandlung einer chronischen Erkrankung“, betont Dr. Stephanie Brandt-Heunemann, Leiterin der Methodengruppe. „Liegen eine hohe Evidenzqualität und eine entsprechende Zulassung vor, darf sich die Versorgungspraxis dem nicht entziehen.“

Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist eine chronische Erkrankung mit hohem Risiko für Folgeerkrankungen bis ins Erwachsenenalter. „Bei veränderter Evidenzlage besteht eine fachliche Verantwortung zum Handeln, der mit dieser vorgezogenen Teilaktualisierung Rechnung getragen wurde. Die reguläre Gesamtüberarbeitung der Leitlinie ist weiterhin für Januar 2027 vorgesehen“, so die Experten.