Muskelschmerzen nur selten

Keine Angst vor Statinen 18.07.2026 08:50 Uhr

Berlin - 

Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Wirkstoffen und können das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall senken. Doch die Angst vor möglichen Nebenwirkungen ist groß. Zu Unrecht.

Statine sind unter anderem Mittel der Wahl zur Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse. Außerdem kommen die Wirkstoffe zur Behandlung einer Hypercholesterinämie begleitend zu einer Diät, wenn eine Nahrungsumstellung allein nicht erfolgreich war, zum Einsatz. Denn sie hemmen die HMG-CoA-Reduktase, ein Enzym, das als Zwischenprodukt bei der Cholesterinneusynthese eine Rolle spielt. Die Arzneistoffe unterdrücken die Cholesterinbildung, was mit einer verstärkten Aufnahme aus dem Blutplasma kompensiert wird. Der Low-densitity Lipoprotein (LDL)-Cholesterinspiegel im Blut sinkt, weil die Bildung von LDL-Rezeptoren auf den Leberzellen zunimmt und das im Blut zirkulierende LDL-Cholesterin aufgenommen wird.

In Studien konnte die Wirksamkeit der Statine nachgewiesen. Gleiches gilt für die seltenen Nebenwirkungen. „Dennoch halten sich in Deutschland hartnäckig Theorien zur Schädlichkeit der Cholesterinsenker“, so die Deutsche Schlaganfallbegleitung. Die Folge: Menschen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen meiden die Einnahme und riskieren dadurch einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Eine US-amerikanische Studie zeige, dass die Einnahme von Statinen in den USA jährlich 65.000 Schlaganfälle verhindern kann.

Angst vor Nebenwirkungen unbegründet?

Muskelschmerzen werden als Nebenwirkung von Statinen angeführt. Was laut Deutsche Schlaganfallbegleitung nur wenig bekannt zu sein scheint, ist, dass milde muskuläre Probleme nur sehr selten im direkten Zusammenhang mit den eingenommenen Statinen auftreten. Oft seien andere Gründe für die Schmerzen verantwortlich.

Eine Analyse verschiedener Studien zeigte bereits im Jahr 2018, dass Muskelschmerzen oft psychisch bedingt sind und die Schmerzen auf den Nocebo-Effekt zurückzuführen sind. Ein höheres Alter, Schilddrüsenerkrankungen oder sportliche Aktivitäten kommen als weitere Erklärungen für das Auftreten von Muskelschmerzen infrage.

Eine andere gefürchtete Nebenwirkung sei Diabetes, denn Statine können den Blutzuckerspiegel geringfügig steigen lassen. Doch dies ist erst dann von Bedeutung, wenn der Blutzuckerspiegel bereits vor der Einnahme im oberen Grenzbereich lag.

Nicht alle Nebenwirkungen belegt

Außerdem konnte ein Forscherteam zeigen, dass viele vermeintliche Nebenwirkungen von Statinen nicht belegt sind. Nur vier von 66 Nebenwirkungen konnten bestätigt werden. Ein Team der Cholesterol Treatment Trialists‘ (CTT) Collaboration hat sich in einer Metaanalyse mit der Nutzen-Risiko-Bewertung von Statinen befasst. Dafür wurden die Ergebnisse aus 23 Studien herangezogen, die insgesamt rund 155.000 Teilnehmende umfassten. Anhand dessen wurde für fünf Präparate überprüft, ob und wie oft die in den Packungsbeilagen am häufigsten gelisteten Nebenwirkungen unter Statinen tatsächlich eintraten. Die untersuchten Wirkstoffe waren: Atorvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin und Simvastatin. Die teilnehmenden Patient:innen wurden im Median 4,5 Jahre behandelt und erhielten entweder Statine in unterschiedlichen Dosen oder ein Statin im Vergleich zu Placebo.

Das Ergebnis: „Statine verursachen nicht die Mehrzahl der in den Packungsbeilagen aufgeführten Nebenwirkungen“, heißt es von den Forschenden. So wurde ein Zusammenhang zwischen der Anwendung entsprechender Arzneimittel und dem Auftreten von unerwünschten Wirkungen nur für vier von insgesamt 66 überprüften Ereignissen belegt. Das sind: Ödeme, Veränderungen in der Urinzusammensetzung, Abweichungen der Leberfunktion und abnormale Lebertransaminase-Werte. Traten tatsächlich Nebenwirkungen unter Statinen auf, geschah dies vor allem zu Therapiebeginn. Dagegen führte die Einnahme von Statinen nicht zu einem Anstieg von Gedächtnisverlust, Demenz, Depressionen, Schlafstörungen, Erektionsstörungen, Gewichtszunahme, Übelkeit, Müdigkeit oder Kopfschmerzen und anderen Beschwerden. Problematisch sehen die Forschenden vor allem das bestätigte häufige Auftreten von Muskelschmerzen unter der Behandlung – vor allem, weil bereits die Angst davor bei vielen Patient:innen fest verankert ist und somit auch unter Placebo auftrat. Um die Therapietreue zu erhöhen, sollten Patient:innen entsprechend sensibilisiert und eine Dosisreduktion in Betracht gezogen werden.