Diabetesmedikamente

Gliflozine: Risikofaktoren für Ketoazidose 28.09.2026 15:15 Uhr

Berlin - 

Patienten mit Typ-2-Diabetes, die hohe Blutzuckerwerte, ein niedriges Körpergewicht oder eine Vorgeschichte mit Ketoazidose aufweisen, haben bei der Behandlung mit SGLT2-Hemmern wie Canagliflozin, Dapagliflozin und Empagliflozin ein erhöhtes Risiko, diese schwerwiegende Komplikation zu entwickeln. Eine von Forschern des Karolinska-Instituts geleitete Studie zeigt zudem, dass dieses Risiko während der gesamten Behandlungsdauer bestehen bleibt.

SGLT2-Hemmer werden mit einem erhöhten Risiko für eine Ketoazidose in Verbindung gebracht – einem seltenen, aber ernsten Zustand, bei dem der Körper aufgrund von Insulinmangel große Mengen an Ketonkörpern produziert. Dies kann den Säure-Basen-Haushalt des Körpers stören und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden.

In der in „The Lancet Diabetes & Endocrinology“ veröffentlichten Studie analysierten Forscher Daten aus nationalen Gesundheitsregistern in Schweden, Dänemark und Norwegen. Die Studie umfasste mehr als 282.000 Patienten mit Typ-2-Diabetes, die mit SGLT2-Hemmern behandelt wurden. Insgesamt lagen knapp 323.000 Behandlungsepisoden zugrunde. Die Forscher untersuchten, wie häufig eine Ketoazidose auftrat und welche Faktoren mit einem erhöhten Risiko verbunden waren.

Infektionen als Auslöser

Die Ergebnisse zeigten, dass das Risiko besonders hoch bei Patienten war, die bereits eine Ketoazidose durchgemacht hatten oder hohe Blutzuckerwerte, ein niedriges Körpergewicht beziehungsweise Anzeichen von Mangelernährung aufwiesen. Auch vorangegangene Episoden von Hypoglykämie waren mit einem erhöhten Risiko verbunden. Zudem stellten die Forscher fest, dass Infektionen das häufigste auslösende oder begleitende Ereignis bei Ketoazidose-Fällen waren.

Auch andere akute Erkrankungen wie Nierenfunktionsstörungen, Schlaganfälle und größere Operationen traten bei den betroffenen Patienten häufiger auf. Frühere Studien hatten vor allem das Risiko in der Anfangsphase der Behandlung untersucht. Die neue Studie zeigt nun: Auch wenn das Risiko in den ersten Monaten am höchsten ist, bleibt es während der gesamten Zeit der Medikamenteneinnahme erhöht.

Verschiedene Risikofaktoren

Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von 2013 bis 2021 beziehungsweise 2022. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 63 Jahren; 36 Prozent der Fälle waren Frauen. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 1,3 Jahren traten 1452 Ketoazidose-Ereignisse auf, das entspricht einer Inzidenz von 2,43 pro 1000 Personenjahren. Das Risiko war zwar kurz nach Behandlungsbeginn am höchsten, blieb jedoch über den gesamten Nachbeobachtungszeitraum bestehen.

Zu den starken Risikofaktoren zählten:

  • ein hoher HbA1c-Wert (≥ 83 vs. ≤ 52 mmol/mol: Odds Ratio [OR] 15,37 [95-%-KI 11,50–20,53])
  • Mangelernährung (OR 10,54 [7,32–15,18])
  • eine vorangegangene Ketoazidose (OR 10,40 [7,09–15,24])
  • ein niedriger BMI (< 20 kg/m² vs. 20 bis < 25 kg/m²: OR 9,98 [5,68–17,53])
  • eine kürzlich aufgetretene Hypoglykämie (OR 5,22 [2,60–10,49]).

Infektionen waren das häufigste auslösende oder begleitende Ereignis, sie traten bei 32 Prozent der Fälle auf, verglichen mit 6 Prozent in den Kontrollgruppen. Die stärksten Assoziationen zeigten sich bei Alkoholintoxikation, akuten Nierenereignissen, akutem Abdomen, Schlaganfall und größeren chirurgischen Eingriffen; allerdings könnten die Zusammenhänge bei einigen vorübergehenden Expositionen – insbesondere bei leichteren Erkrankungen – aufgrund einer Untererfassung in der Kontrollgruppe überschätzt worden sein. Explorative Analysen deuten laut den Autoren darauf hin, dass die beobachteten Zusammenhänge weitgehend allgemein für Patienten mit Typ-2-Diabetes galten und nicht spezifisch mit der Anwendung von SGLT2-Hemmern zusammenhingen.

Ein Jahr nach der Ketoazidose wurde jeder vierte der 842 Patienten weiterhin mit SGLT2-Hemmern behandelt, während die Anwendung von Insulin von 32 auf 73 Prozent anstieg.

„SGLT2-Hemmer bieten vielen Patienten medizinische Vorteile. Bei unseren Ergebnissen geht es nicht primär darum, die Behandlung zu vermeiden, sondern darum, Patienten mit hohem Risiko besser zu erkennen und diese Medikamente sicherer einzusetzen“, sagt Professor Dr. Peter Ueda, Assistenzprofessor am Department of Medicine, Solna, am Karolinska-Institut. Die Forschenden hoffen, dass die Ergebnisse den Ärztinnen und Ärzten eine bessere Unterstützung bei Behandlungsentscheidungen bieten und dazu beitragen, dass Patienten klarere Ratschläge dazu erhalten, wann das Medikament vorübergehend abgesetzt werden sollte – etwa bei einer akuten Erkrankung oder vor einer Operation.

Als Nächstes sollen jene Patienten genauer untersucht werden, bei denen es während der Behandlung zu einer Ketoazidose kommt; zudem sollen weitere seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen moderner Diabetes-Medikamente erforscht werden.

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Statens Serum Institut in Dänemark und der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) in Norwegen durchgeführt. Finanziert wurde sie von der Region Stockholm (ALF-Fördermittel) sowie der Schwedischen Gesellschaft für Medizin.