Multiple Sklerose

Gilenya: Zusatznutzen bei Kindern und Jugendlichen APOTHEKE ADHOC, 02.07.2019 14:44 Uhr

  • Zusatznutzen belegt: Gilenya ist Interferon-beta-1a bei Kindern und Jugendlichen überlegen. Foto: Novartis
Berlin -

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat den Zusatznutzen von Gilenya (Fingolimod, Novartis) für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren mit hochaktiver schubförmig-remittierend verlaufender Multipler Sklerose (RRMS) festgestellt. Damit ist er der Empfehlung des Instituts für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen (IQWiG) gefolgt.

Der Zusatznutzen wird dann erklärt, wenn trotz Behandlung mit mindestens einer krankheitsmodifizierenden Therapie über einen vollständigen und angemessenen Zyklus hinweg ein Wechsel innerhalb der Basistherapeutika angezeigt ist. Über die IQWiG-Empfehlung hinaus sieht der GBA einen Anhaltspunkt für einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen für Kinder und Jugendliche mit rasch fortschreitender schwerer RRMS, die noch keine krankheitsmodifizierende Therapie erhalten haben. Die rasche Fortschreitung ist dabei definiert durch zwei oder mehr Schübe mit Behinderungsprogression in einem Jahr, einer oder mehreren gadoliniumanreichernden Läsionen im MRT des Gehirns oder einer signifikanten Erhöhung der T2-Läsionen.

Fingolimod wirkt als funktioneller Antagonist am S1P-Rezeptor der Lymphozten und blockiert so die Migration von Lymphozyten aus den Lymphknoten. Die Folge ist eine entzündungshemmende Wirkung. Die vier wichtigsten Schlüsselparameter der Krankheitsaktivität werden durch Fingolimod positiv beeinflusst: Schübe, MRT-Läsionen, Hirnatrophie und Behinderungsprogression. Der Wirkstoff ist in einer Dosierung von 0,25 mg zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen ab zehn Jahren mit hochaktiver RRMS bis zu 40 kg Körpergewicht zugelassen, ab 40 kg ist eine höhere Dosis von 0,5 mg indiziert. Die Einnahme erfolgt jeweils einmal täglich.

Seit November vergangenen Jahres hat Gilenya die EU-Zulassung für Kinder und Jugendliche. Basis waren die Ergebnisse der „Paradigms-Studie“. Es handelt sich dabei um eine doppelblinde, randomisierte, multi-zentrische Phase-III-Studie mit einer flexiblen Dauer von bis zu zwei Jahren. Sie wurde an über 80 Zentren in mehr als 25 Ländern durchgeführt. Ziel war die Bewertung der Sicherheit und Wirksamkeit von oral verabreichtem Fingolimod im Vergleich zu Interferon-beta-1a intramuskulär (IFNb-1a i. m.) bei Kindern und Jugendlichen mit einer schubförmigen Multiplen Sklerose.

Die Studie fand mit 215 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 17 Jahren statt. Die Patienten erhielten randomisiert einmal täglich Fingolimod oder einmal wöchentlich Interferon beta-1a. Primärer Endpunkt der Studie war die jährliche Schubrate, sekundäre Endpunkte umfassten die Anzahl neuer oder vergrößerter T2-Läsionen sowie gadoliniumaufnehmender T1-Läsionen. Über eine Behandlungsdauer von 24 Monaten zeigte Fingolimod im Vergleich zu IFNb-1a eine Reduktion der jährlichen Schubrate um 82 Prozent. An Monat 24 waren 85,7 Prozent der Patienten im Fingolimod-Arm schubfrei, während unter IFNb-1a lediglich gut 38 Prozent schubfrei waren. Die mit Fingolimod behandelten Patienten hatten außerdem ein um 77 Prozent niedrigeres Risiko einer Behinderungsprogression.

Bei MS zerstören Immunzellen die isolierende Hüllschicht der Nervenfasern (Myelinscheide), sodass die Weiterleitung von Signalen gestört ist. Bei Gesunden hält das Abwehrsystem solche Immunzellen in Schach, unter anderem durch die spezielle Gruppe der Suppressorzellen, auch regulatorische T-Zellen genannt. Diese fehlen bei MS-Patienten, sodass die überschießende Abwehr des Immunsystems nur unzureichend gebremst wird. Bei SPMS handelt es sich um eine lähmende Form der MS, die durch eine progressive und irreversible Behinderung gekennzeichnet ist. Die meisten Patienten bemerken die ersten Symptome im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Gilenya ist in den USA bereits seit 2010 zugelassen und war in den ersten neun Monaten von 2018 für etwa 10 Prozent der gesamten Konzernumsätze verantwortlich. Mit Mayzent (Siponimod) hat Novartis dieses Jahr in den USA für die erste orale Therapie der sekundär progredienten Multiplen Sklerose (SPMS) eine Zulassung erhalten. Hierbei handelt es sich um eine Weiterentwicklung von Gilenya. Siponimod ist ein Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulator der nächsten Generation. Der Arzneistoff bindet selektiv an die S1P1- und S1P5-Rezeptoren. Zugelassen ist Mayzent zur Behandlung verschiedener Formen der MS wie SPMS, schubförmig remittierende MS und klinisches isoliertes Syndrom, das in den meisten Fällen als Vorbote der MS gilt. Wirksamkeit und Sicherheit von Siponimod wurden in der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie Expand untersucht.