Aktualisierte S3-Leitlinie

Depressionen: Neue Standards für 3- bis 18-Jährige 25.04.2026 08:30 Uhr

Berlin - 

Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen formuliert erstmals differenzierte Behandlungspfade für drei Altersgruppen zwischen 3 und 18 Jahren aus. „Eine wichtige neue Empfehlung ist, dass unabhängig vom Schweregrad der Depression nach der fachärztlichen Diagnosestellung eine Behandlung immer erfolgen soll“, betont Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne vom LMU Klinikum München. 

Ein wesentlicher Unterschied der Aktualisierung ist der sofortige Beginn einer aktiven Behandlung nach der Diagnose. Bisher wurde bei leichten Depressionen zunächst ein abwartendes Vorgehen mit beratenden Maßnahmen empfohlen.

Zudem sollen Kinder, Jugendliche und Eltern nun explizit in alle Therapieentscheidungen eingebunden werden. Diese Mitbestimmung berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse und Ressourcen der Familien deutlich stärker

Erstmals alterspezifische Empfehlungen

Die neue Leitlinie sieht erstmals eine klare Trennung zwischen den Empfehlungen für drei- bis sechsjährige Kinder, sieben- bis 12-jährige Kinder und Jugendliche ab 13 Jahren vor. Über alle Altersgruppen hinweg gilt: Psychotherapie hat Vorrang vor medikamentöser Behandlung.

Für die Gruppe der drei- bis sechsjährigen Patient:innen empfiehlt die Leitlinie als Therapie der ersten Wahl die „Parent-Child Interaction Therapy“ mit dem Zusatzmodul „Emotion Development“. Dabei handelt es sich um ein Live-Coaching unter therapeutischer Anleitung.

Eltern lernen dabei, die Bindung zu ihrem Kind gezielt zu stärken. Sie unterstützen die Gefühlsregulation direkt im Spiel. Medikamente sollten in dieser Altersgruppe nicht eingesetzt werden.

Bei den sieben- bis 12-jährigen Kindern gilt die kognitive Verhaltenstherapie als erste Wahl, wobei die familienbasierte interpersonelle Therapie als primäre Alternative dient. Eine wichtige Neuerung ist, dass unabhängig vom Schweregrad der Depression nach der fachärztlichen Diagnosestellung immer eine Behandlung erfolgen soll.

Medikamentöse Behandlung und ergänzende Maßnahmen

Für Jugendliche ab 13 Jahren werden neben Fluoxetin nun auch Sertralin und Escitalopram als Optionen der ersten Wahl bei mittelgradigen und schweren Episoden genannt, während Duloxetin als Alternative aufgeführt wird. Im Gegensatz zur letzten Leitlinie wird Citalopram nun als nicht empfehlenswert eingestuft. Ebenfalls als nicht empfehlenswert gelten Wirkstoffe wie Vilazodon oder Vortioxetin.

Zusätzlich wurde das Spektrum der ergänzenden Maßnahmen um evidenzbasierte Empfehlungen zu sportlicher Aktivität, Lichttherapie und Omega-3-Fettsäuren erweitert. Zudem wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Ergotherapie, Kunsttherapie und der Kinder- und Jugendhilfe gestärkt.

Psychische Belastung auf erhöhtem Niveau

Die aktualisierte Leitlinie wurde unter der Federführung von Schulte-Körne und seinem Team am LMU Klinikum München im Auftrag der DGKJP erstellt. Die Überarbeitung war laut LMU auch deshalb notwendig, weil die Covid-19-Pandemie die psychische Belastung durch soziale Isolation und Zukunftsängste massiv verstärkt hat.

International stiegen depressive Symptome in dieser Zeit auf etwa 25 Prozent an, in Deutschland auf bis zu 24 Prozent. Zwar sanken die Werte nach Ende der Pandemie wieder, die psychische Belastung blieb jedoch insgesamt auf einem erhöhten Niveau.