Keine höhere Sterblichkeit

Bluthochdruck: Weniger Tabletten im Alter? 02.10.2026 12:32 Uhr

Berlin - 

Bluthochdruck unterscheidet sich bei älteren Menschen grundlegend von der Erkrankung bei jüngeren Patientengruppen. In einer Studie konnte belegt werden, dass weniger mehr ist: Eine schrittweise Reduktion von Blutdrucksenkern über drei Jahre zeigte keinerlei Unterschiede bei Sterblichkeit oder schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen.

Ob Bluthochdruck auch bei hochbetagten, gebrechlichen Menschen konsequent behandelt werden muss, oder ob gerade im hohen Alter eine Reduktion der Medikamente der bessere Weg sein könnte, beschäftigt die Geriatrie schon lange. Der Geriater und Kardiologe Professor Dr. Athanase Benetos erklärt dazu: „Bluthochdruck ist bei älteren Menschen etwas anderes als bei jüngeren.“

Nutzen und Risiken verändern sich

Mit zunehmendem Alter würden sich nicht nur die Ursachen eines erhöhten Blutdrucks verändern, sondern auch Nutzen und Risiken einer Behandlung, so der Experte. Benetos schließt im Rahmen der französischen RETREAT-FRAIL-Studie eine Versorgungslücke bei hochbetagten Patient:innen. Die Ergebnisse wurden im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Für die Erhebung wurden die Daten von mehr als 1000 Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen erfasst. Nach dem Zufallsprinzip wurden den Proband:innen zwei Behandlungsstrategien zugeteilt. Eine Gruppe führte die bisherige Blutdrucktherapie unverändert fort. In der anderen Gruppe wurde die Medikation unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle schrittweise reduziert.

Kein Unterschied

Das Ergebnis: „Über einen Zeitraum von drei Jahren zeigte sich kein Unterschied bei Sterblichkeit oder schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen. Unter den richtigen Voraussetzungen kann eine schrittweise Reduktion der Therapie sicher sein“, fasst Benetos zusammen. Weniger Medikamente könnten zudem Wechselwirkungen und Belastungen für die Betroffenen verringern, schlussfolgert er.

Die Ergebnisse seien jedoch kein Freibrief zum pauschalen Absetzen blutdrucksenkender Medikamente. „Vielmehr geht es darum, Nutzen und Risiken einer Behandlung regelmäßig neu abzuwägen und Therapien konsequent an die individuelle Situation älterer Menschen anzupassen“, so Benetos.

Das betrifft beispielsweise einen hohen Grad an Gebrechlichkeit bei Hochbetagten. Frühere epidemiologische Studien deuteten darauf hin, dass gebrechliche ältere Menschen am anfälligsten für die Nebenwirkungen einer blutdrucksenkenden Behandlung sind. Zudem wies die in der RETREAT-FRAIL-Studie untersuchte Population einen niedrigen systolischen Blutdruck (SBP < 130 mmHg) auf. Dieser ist bei hochbetagten Menschen ebenfalls mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert.

Im Rahmen der RETREAT-FRAIL-Studie wurden nur jene Medikamente reduziert, für die für den jeweiligen Patienten keine andere kardiovaskuläre Indikation vorlag. „Und zwar nach einem klar definierten Protokoll und unter regelmäßiger ärztlicher Überwachung“, so Benetos.

Weniger ist mehr

„Die gleichen Regeln, die für das Verordnen von Medikamenten gelten, müssen auch für deren Absetzen gelten“, betont er und sieht darin einen Paradigmenwechsel. „Nicht starre Zielwerte sollten im Mittelpunkt stehen, sondern die individuelle Lebenssituation, die funktionelle Gesundheit und die persönlichen Therapieziele älterer Menschen.“ Die Studie öffne ein neues Fenster für die Frage, „wie wir hochbetagte und gebrechliche Menschen besser behandeln können“, so Benetos. „Sie zeigt, dass manchmal weniger tatsächlich mehr sein kann.“