BioCopy: KI jagt versteckte Tumorantigene 05.08.2026 13:13 Uhr
Ein Biotech-Unternehmen aus Basel entwickelt TCR-Mimics, die intrazelluläre Krebsziele adressieren – unterstützt durch eine KI-Plattform zur Antikörpervalidierung. Der Ansatz könnte einen bislang weitgehend unzugänglichen Zielraum in der Onkologie erschließen. Hinter der Firma stehen mehrere ehemalige Stada-Manager.
Rund 73 Prozent aller tumorassoziierten Antigene befinden sich im Zellinneren und sind für konventionelle Antikörpertherapien nicht erreichbar. Klassische monoklonale Antikörper und auch neuere Formate wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) beschränken sich auf Oberflächenantigene – ein seit Jahren bekanntes Therapielimit in der soliden Onkologie.
Das deutsch-schweizerische Unternehmen BioCopy verfolgt einen Ansatz, der dieses Limit umgehen soll: sogenannte TCR-Mimics (TCRm). Diese Antikörper erkennen keine klassischen Oberflächenmarker, sondern Peptid-HLA-Komplexe (pHLA), also Bruchstücke intrazellulärer Proteine, die im Rahmen der Antigenpräsentation auf der Zelloberfläche erscheinen. Mutierte oder überexprimierte Tumorproteine werden so von außen adressierbar.
Toxizität als Hürde
Die größte Herausforderung bei pHLA-gerichteten Therapien ist die sogenannte Off-Target-Toxizität – also die Gefahr, dass ein Antikörper nicht nur die Krebszelle angreift, sondern fälschlicherweise auch gesunde Körperzellen schädigt. Da sowohl Tumor- als auch gesunde Zellen Peptid-Bruchstücke auf ihrer Oberfläche präsentieren, muss ein Wirkstoff sehr präzise zwischen krankhaften und normalen Zellsignalen unterscheiden können. Gelingt das nicht, drohen schwere Nebenwirkungen. Genau an dieser Problematik scheitern viele Wirkstoffkandidaten in der Entwicklung.
BioCopy hat sich dieses Sicherheitsproblem zum zentralen Entwicklungsziel gemacht und setzt dafür auf eine Kombination aus KI und Hochdurchsatz-Screening. Vereinfacht funktioniert das in zwei Schritten: Zunächst durchsucht eine KI den gesamten menschlichen Proteinbestand und markiert alle Peptide, bei denen ein Antikörper versehentlich andocken könnte – also potenzielle Verwechslungsgefahren mit gesundem Gewebe. Dann prüft ein zweites KI-Modul, das auf echten Labordaten trainiert wurde, ob ein konkreter Antikörperkandidat tatsächlich nur an Tumorzellen bindet oder auch an gesunden Zellen haften bleibt. Ergänzt wird diese KI-Analyse durch ein patentiertes Labor-Screening, bei dem auf speziellen Chips Tausende von Bindungsreaktionen gleichzeitig gemessen werden – ein Realitätscheck, der die KI-Vorhersagen experimentell absichern soll.
Motor für neue Wirkstoffkandidaten
Diese drei Komponenten sind in der proprietären Plattform ValidaTe integriert, die Laborarbeit und KI-Vorhersage nahtlos verbindet. Mehrere wissenschaftliche Publikationen in peer-reviewed Journals dokumentieren laut Hersteller die methodischen Grundlagen.
Fünf Tumore im Fokus
BioCopy arbeitet derzeit an TCRm-basierten T-Zell-Engagern in bi- und trispezifischen Formaten gegen fünf Indikationen: nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC), Ovarialkarzinom, Urothelkarzinom, hepatozelluläres Karzinom (HCC) und triple-negatives Mammakarzinom. Das am weitesten fortgeschrittene Programm richtet sich gegen das Tumorantigen MAGE-A4 bei Lungenkrebs. Alle Programme befinden sich im präklinischen Stadium. Einen ersten Wirkstoffkandidaten will das Unternehmen bis 2027 zur Auslizenzierung bereitstellen, mit IND-Readiness als Ziel.
Management mit Pharmahintergrund
Das Unternehmen wurde 2019 gegründet, hat seinen Sitz in Basel und betreibt ein Forschungslabor in Emmendingen bei Freiburg. CEO ist der frühere Stada-Chef Dr. Matthias Wiedenfels. CSO Dr. Jörg Birkenfeld leitete zuvor die biologische Wirkstoff-Screening-Abteilung bei Sanofi. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen unter anderem Professor Dr. Hartmut Michel, der 1988 den Chemie-Nobelpreis für Arbeiten zur Kristallstruktur membrangebundener Proteine erhielt, sowie Dr. Rainer Böhm, ehemaliger CEO von Novartis.
Entwicklungszeit verkürzen
BioCopy verfolgt mit der Weiterentwicklung seiner KI-Plattform das Ziel, Wirkstoffkandidaten bereits vor aufwendigen Laborversuchen durch KI-gestützte Simulation vorab zu prüfen. Das könnte die Entwicklungszeit für zukünftige Kandidaten erheblich verkürzen: Statt Hunderttausende potenzieller Zielstrukturen empirisch durchzutesten, sollen KI-Modelle die vielversprechendsten Kandidaten vorselektieren und so den Weg von der Zielidentifikation bis zur Kandidatenauswahl deutlich beschleunigen.
Der Markt für Therapien, die intrazelluläre Targets adressieren, wird auf rund 45 Milliarden US-Dollar geschätzt. BioCopy positioniert sich in diesem wachsenden Feld mit dem Anspruch, über ValidaTe® als skalierbaren Plattform-Motor nicht nur einzelne Kandidaten, sondern eine ganze Pipeline von TCRm-Therapeutika systematisch und reproduzierbar hervorzubringen.
Wie bei allen präklinischen Programmen bleibt abzuwarten, ob sich die bisherigen Ergebnisse in klinischen Studien am Menschen bestätigen lassen. Die Ausfallrate in der onkologischen Wirkstoffentwicklung liegt branchenweit bei über 70 Prozent.