Alzheimer: Patientin mit Pilzen zurückgeholt 26.06.2026 12:01 Uhr
In Deutschland leben etwa 1,8 Millionen Menschen aktuell mit einer Demenzerkrankung. An Alzheimer leiden davon etwa 60 bis 70 Prozent. Die fortgeschrittene Alzheimer-Krankheit wird dabei allgemein als ein Stadium des irreversiblen funktionellen Abbaus angesehen. Forschenden ist es in einem Experiment gelungen, per Psilocybingabe noch vorhandene Restkapazitäten zu aktivieren. Heißt konkret: Das Erinnerungs- und Sprachvermögen kehrte vorübergehend zurück.
Die derzeitigen therapeutischen Strategien in fortgeschrittenen Stadien der Alzheimer-Krankheit sind weitgehend palliativer Natur. Eine bedeutsame funktionelle Erholung gilt allgemein noch als unwahrscheinlich. Die weltweite Belastung durch die Alzheimer-Krankheit und verwandte Demenzerkrankungen ist nach wie vor beträchtlich und hat schwerwiegende Folgen für Patienten, Familien, Pflegekräfte und Gesundheitssysteme.
Psychoaktive Pilze bei Alzheimer
Dies hat zu einem wachsenden Interesse an neuromodulatorischen und auf Neuroplastizität ausgerichteten Ansätzen geführt, die in der Lage sind, verbleibende Netzwerkfunktionen vorübergehend wiederherzustellen. Die klinische Erforschung von Psilocybin konzentrierte sich bislang primär auf psychiatrische Erkrankungen und in jüngerer Zeit auf Depressionen und Angstzustände bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder früher Alzheimer-Krankheit. Die Anwendung von psychoaktiven Pilzen bei Alzheimer könnte die Therapie erweitern.
Der in bestimmten Pilzen enthaltene Wirkstoff Psilocybin führt durch die Aktivierung von Serotonin-5-HT2A-Rezeptoren zu ausgeprägten Veränderungen der großräumigen Hirndynamik. Bildgebende Studien konnten am menschlichen Gehirn nach der Verabreichung von Psilocybin bereits eine veränderte Integrität des Ruhezustandsnetzwerks, eine verringerte Netzwerksegmentierung und weitreichende Veränderungen der funktionellen Konnektivität zeigen.
Präklinische Studien legen zudem nahe, dass Psilocybin dem Gehirn dabei helfen kann, sich physisch umzubauen, neue Nervenverbindungen zu knüpfen und bestehende Leitungen zu reparieren.
80-Jährige erhält Pilze
Das Fachmagazin „Frontiers in Neuroscience“ berichtete über solch einen Fall. Eine 80-jährige Frau litt seit über zehn Jahren an Alzheimer – davon seit fünf Jahren mit ausgeprägtem Funktionsverlust und überwiegend einsilbiger Sprache. Die amerikanisch-japanische Patientin lebte unter ständiger familiärer Aufsicht und pflegerischer Unterstützung.
Zu ihren Ausgangssymptomen gehörten chronische Harninkontinenz, Exekutivstörungen, sprich Einschränkungen bei der Handlungsplanung und Schluckstörungen. Zudem litt sie an eingeschränkter Mobilität mit Hilfsbedürftigkeit und an einer stark reduzierten spontanen Kommunikation.
In der ersten Intervention erhielt die Patientin oral fünf Gramm psilocybinhaltige Pilze vom Stamm „Enigma“. In der akuten Phase nach der Einnahme kam es zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems und dem klinischen Verdacht auf Hyperthermie, sprich Überhitzung. Die Patientin schwitzte außerdem stark und fiel anschließend in einen anhaltenden, tiefen, schlafähnlichen Zustand.
Zustand deutlich verbessert
Etwa 19 Stunden nach der Verabreichung habe spontanes, autobiografisches Sprechen eingesetzt, so die Forschenden. Und auch in den folgenden Tagen sei es zu erheblichen Verbesserungen ihres Allgemeinzustands gekommen. So konnten die Forschenden die Wiederherstellung der Harnkontinenz und ein verbessertes Gehen beobachten. Die Patientin habe sich wieder selbstständig ankleiden können und wies eine gesteigerte emotionale Ansprechbarkeit auf.
Auch anhaltende soziale Interaktionen konnte sie wieder leisten. Ebenso vernahmen die Forschenden, dass das Abrufen von Kontextgedächtnisinhalten wieder funktionierte und die Patientin wieder auf ihr Arbeitsgedächtnis für soziale Zusammenhänge und die Teilnahme an spontanen Gesprächen zurückgreifen konnte.
Verbesserungen blieben bestehen
Einen Monat später wurde aufgrund des Fortbestehens klinisch bedeutsamer Verbesserungen – einschließlich einer anhaltenden Harnkontinenz – eine zweite überwachte Sitzung mit drei Gramm psilocybinhaltigen Pilzen durchgeführt.
Während dieser zweiten Sitzung sei die Patientin über die gesamte Erfahrung hinweg deutlich ausdrucksstärker im Sprechen geblieben und beschrieb emotional positive Bilder. Der mimische Ausdruck, die emotionale Wechselseitigkeit, spontaner Humor und die Leichtigkeit beim Gehen erschienen deutlich verbessert, so die Forschenden.
Hohe Dosis ohne Nebenwirkungen
Die Interventionen hatten einen erkundenden und beobachtenden Charakter, da derzeit kein etabliertes Dosierungsschema für Psilocybin bei fortgeschrittener Demenz existiert. Die gewählte Pilzdosis war im Vergleich zu den in modernen klinischen Studien üblichen Dosierungsansätzen relativ hoch und wurde auf der Grundlage früherer Erfahrungswerte hinsichtlich der Tiefe und Dauer der durch Psychedelika induzierten neurobehavioralen Effekte ausgewählt.
Während der Nachbeobachtung seien keine schweren, anhaltenden Nebenwirkungen, keine anhaltende Unruhe, keine klinisch signifikante Herz-Kreislauf-Instabilität, keine anhaltende psychotische Symptome, keine verzögerte neurologische Verschlechterungen und auch keine verzögerte medizinische Komplikationen beobachtet worden, so das Fazit der Forschenden.