Substanzmissbrauch

Ärzte vertuschen ihre Arzneimittelsucht Deniz Cicek-Görkem, 23.10.2017 13:49 Uhr

Berlin - Arzneimittelmissbrauch ist weit verbreitet und nicht nur ein Problem außerhalb der Apotheke und der Arztpraxis – auch die Heilberufler selbst sind betroffen. Nach Studienlage ist davon auszugehen, dass etwa 5 Prozent der Ärzte die Kriterien einer Suchterkrankung erfüllen, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Doch wie und warum wird der Arzt zum Patient? Die Ärztekammer Berlin (ÄK) hat das Problem erkannt und bietet das Interventionsprogramm „Arzt SUCHT Hilfe“ für die Betroffenen an. Ein strukturierter Ablauf soll so den substanzabhängigen Medizinern den Ausstieg ermöglichen.

Lange Arbeitszeiten, Zeitdruck, hohe Verantwortung: Gründe für den Arzneimittelmissbrauch bei Ärzten können vielfältig sein. Es liegt nahe, dass die Kenntnis und der relativ uneingeschränkte Zugriff auf Medikamente das Potenzial haben, eine Suchterkrankung zu begünstigen. Infrage kommen neben Alkohol auch Medikamente mit Suchtpotenzial und illegale Drogen wie Kokain, Cannabis und Amphetamine. „Ärzte konsumieren häufiger Medikamente und weniger illegale Drogen. Sie neigen eher zur Selbstmedikation mittels Suchtstoffen“, heißt es in der Mitgliederzeitschrift „Berliner Ärzte“.

Auch Kammern anderer Bundesländer bieten suchtkranken Ärzten Hilfe an – „Hilfe statt Strafe“ lautet das Prinzip. „Die Landesärztekammern sehen es als ihre Aufgabe an, erkrankten Kammermitgliedern konkrete Hilfe anzubieten, ihre Sucht zu bewältigen und eine fachgerechte medizinische Versorgung sicherzustellen“, so die Bundesärztekammer. Um betroffenen Ärzten im Berliner Raum zu helfen, wurde ein Interventionsprogramm ins Leben gerufen, als Initiator zählt hier die Berliner Ärztekammer.

„Auf Grund der besonderen Stellung und Verantwortung der Ärztinnen und Ärzte sind problematischer Substanzkonsum und Suchtmittelabhängigkeit mit einer ärztlichen Tätigkeit grundsätzlich nicht vereinbar“, so die ÄK Berlin. Es falle besonders auf, dass bei Ärzten später als sonst Präventionsmaßnahmen ergriffen werden würden. Die Suchtproblematik unter den Medizinern sei „kein hoffnungsloser Fall“, so die Berliner Ärzte. Allerdings würden Betroffene in der Regel den Kontakt zum Suchthilfesystem scheuen. Drohender Approbationsverlust und damit verbunden der Verlust der beruflichen Existenz führten dazu, dass sie ihre Sucht stärker verheimlichen.

„Ausgangspunkt für das Interventionsprogramm war, dass unter den Mitgliedern des Arbeitskreises Drogen und Sucht aus Ihrer beruflichen Erfahrung zum einen klar war, dass ein wirklich gutes Suchthilfesystem mit einem umfangreichen Hilfeangebot für suchtkranke Menschen besteht, aber gerade für suchtkranke und -gefährdete Kolleginnen und Kollegen noch passgenauerer Angebote notwendig und sinnvoll erschienen, die deren besonderer Situation Rechnung tragen“, sagt Dr. Thomas Reuter, Suchtbeauftragter der Ärztekammer Berlin und leitender Oberarzt der DRK-Klinik in Berlin Mitte. „Und dass es unserer professionellen aber auch kollegialen Sicht nur recht und billig war, ein solches Angebot zu entwickeln und anzubieten“, ergänzt er.

Das strukturierte Interventionsprogramm besteht aus drei Stufen. Zunächst werden in der Klärungsphase die Therapie- und Unterstützungsangebote und die möglichen Sanktionen erläutert. Im Anschluss wird ein individueller Hilfeplan erstellt und eine Vertrauensperson miteinbezogen. Die zweite Phase ist gekennzeichnet von einer suchttherapeutische Behandlung. Danach gibt es eine mindestens zweijährige Nachsorgephase sowie eine „Überwachungsphase“ im dritten Schritt. In jeder Phase werden die Suchtkranken von suchtmedizinisch erfahrenen Ärzten unterstützt. „Wenn die Vertrauensperson den Erfolg des Programms als nicht mehr gesichert ansieht, erfolgt der Abbruch des Programms mit allen berufsrechtlichen Konsequenzen“, heißt es in der Mitgliederzeitschrift.

Reuter begrüßt das Angebot der ÄK Berlin : „Es hält aus meiner Sicht insbesondere gut die Balance zwischen der Hilfs- und Behandlungsbedürftigkeit des betroffenen Kollegen/in auf der einen Seite und der Schutzbedürftigkeit der Patienten“. Als weiteren Vorteil sehe er die Dauer des Programms, die nach allen suchtmedizinischen Erfahrungen und Erkenntnissen bei erfolgreichem Abschluss auch einen nachhaltigen Erfolg erwarten lasse. „Insgesamt bin ich froh, dass nun dieses Angebot besteht, da ich weiß, wie schwer es schon nicht-ärztlichen Betroffenen fällt, ihre Hilflosigkeit und damit Hilfsbedürftigkeit anzuerkennen; und den ärztlichen als den von Berufs wegen Helfenden natürlich erst recht.“