Mehr Erwachsene betroffen

ADHS: Keine Schulkind-Diagnose mehr 18.02.2026 08:00 Uhr

Berlin - 

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde bisher häufig mit Schulkindern in Zusammenhang gebracht. Doch eine aktuelle Multicenter-Studie zeichnet ein neues Bild. Die Daten belegen eine deutliche Zunahme der medikamentösen Behandlung – insbesondere bei Frauen.

Zwischen 2010 und 2023 hat sich in der ADHS-Diagnostik in Europa herauskristallisiert, dass Erwachsene und insbesondere Frauen häufig von der Aufmerksamkeitsstörung betroffen sind. Das zeigen die Daten der Studie „Trends in use of Attention-Deficit Hyperactivity Disorder medications among children and adults in five European countries“.

Ausgewertet wurden Daten aus Deutschland, Spanien, Belgien, Niederlande und dem Vereinigten Königreich (UK). Die Ergebnisse wurden im Januar 2026 im Fachjournal The Lancet veröffentlicht.

Vom Kindesalter zur lebenslangen Begleitung

Erstautor Xintong Li von der Universität Oxford und sein Team fokussierten sich in der Analyse auf den Anstieg der Diagnosen im Zeitraum von 2010 bis 2023. Die Forschenden konnten dabei drei zentrale Entwicklungen zeigen.

Während die Prävalenzraten bei Kindern und Jugendlichen je nach Land schwankten oder stagnierten, explodierten die Zahlen bei Erwachsenen förmlich. In der Altersgruppe der über 25-Jährigen wurde teilweise ein zehnfacher Zuwachs der Verschreibungsrate registriert. „Besonders auffällig ist die Dynamik bei jungen Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahre, die in Ländern wie den Niederlanden oder Spanien mittlerweile häufiger medikamentös behandelt werden als männliche Kinder“, betont Li.

Deutschland mit moderatem Wachstum

Im Vergleich zu den Niederlanden – wo es in den vergangenen Jahren einen Anstieg von 0,67 auf 1,56 Prozent gab – oder dem Vereinigten Königreich verlief die Entwicklung in Deutschland moderater, aber dennoch stetig:

  • 2010–2012: leichter Anstieg auf 0,16 Prozent
  • 2017: vorübergehender Rückgang auf 0,14 Prozent
  • Bis 2022: signifikanter Sprung auf 0,23 Prozent der Gesamtbevölkerung

Wirkstoff-Präferenzen: Methylphenidat bleibt Goldstandard

Trotz des Markteintritts neuer Substanzen bleibt Methylphenidat über alle Ländergrenzen hinweg das Mittel der ersten Wahl.

Dennoch gibt es laut den Forschenden Verschiebungen im Markt: Lisdexamfetamin hat sich nach seiner Einführung fest etabliert und ist in Deutschland, Spanien und dem UK mittlerweile der am zweithäufigsten verordnete Wirkstoff. Guanfacin verzeichnet ebenfalls kontinuierliche Zuwächse.

Therapietreue und Komorbiditäten

Die Daten werfen auch kritische Fragen zur langfristigen Versorgung auf. Zwei Punkte stechen laut Li besonders hervor:

  1. Die Studie zeigt, dass viele Patienten die Medikation bereits kurz nach dem Start wieder absetzen. Die Therapietreue wird insgesamt als niedrig eingestuft.
  2. ADHS tritt selten allein auf. Besonders Erwachsene leiden häufig unter Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Dies spiegelt sich im Medikationsplan wider: Ein hoher Anteil der Betroffenen erhält zusätzlich Antidepressiva oder Psycholeptika.

Fazit für die Praxis

Die Ergebnisse deuten laut den Forschenden auf einen Paradigmenwechsel in der europäischen Medizin hin. ADHS ist in der Erwachsenenmedizin angekommen. Für das Gesundheitssystem bedeutet dies den steigenden Bedarf an spezialisierten Fachärzten und eine stärkere Fokussierung auf die langfristige Begleitung der Patienten.